Das Bildnis des Helmut Berger

Helmut Berger"Das typische an mir, ich bin untypisch ganz und gar.
Einmal hoch und einmal tief,
einmal ausgeflippt, dann wieder straight."

Falco: "America"

Ein Mann steht versonnen vor einem offenen Kleiderschrank in dem ein Dutzend ähnlicher heller Anzüge hängen, sucht sich schließlich einen aus, und beginnt sich für ein bevorstehendes Ereignis zu stylen. Die Szene, die im ersten Moment an Mickey Rourke in 9 1/2 WOCHEN erinnern mag, stammt aus dem letztjährigen Videoclip zu Blumfelds "Tausend Tränen tief".

Jener Mann, dem die Hamburger Band mit ihrem Video Tribut zollt, ist niemand geringerer als Helmut Berger. Jener charismatische Ausnahmeschauspieler Helmut Berger, der einerseits unter Regie-Größen wie Luchino Visconti, Vittorio de Sica oder Joseph Losey zu schauspielerischen Glanzleistungen angespornt wurde und andererseits in Seventies-Trash- Elaboraten sein Auslangen fand.

In den frühen Siebziger Jahren, als es noch kein Privatfernsehen und somit keine Daily Soaps und keinen täglichen Talkshow-Overkill gab, die sexuellen Vorlieben und Abarten unserer Mitbürger noch nicht bildschirmfüllend in pseudo-dokumentarischen Boulevard-Magazinen breitgetreten wurden, stürzte sich die skandalgeile Presse regelrecht auf die wenigen Enfants terribles in der damaligen Medienlandschaft, die das Bürgertum noch zu schockieren in der Lage waren. Die Glitzerwelt des Rock'n'Roll und des Films waren ein ideales Jagdrevier für Klatschspalten-Reporter auf der Suche nach den "bösen Buben".

Im deutschsprachigen Raum kämpften damals besonders zwei Stars um den ersten Platz, wer wohl die meisten Skandale auf die Reihe bringt: Klaus Kinski und Helmut Berger.

Ersterer sorgte mit seinen skandalumwitterten Dreharbeiten mit seinem "geliebten Feind" Werner Herzog, seinen anzüglichen Memoiren "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" und seinem legendären Auftritt in einer deutschen TV-Talkshow, in der er das Publikum und den Showmaster beschimpfte, für Aufregung.

Helmut Berger jedoch war unumstritten jener Jet-Set-Boy, der mit seinen bisexuellen Affären und Drogen-und Alkoholexzessen den Boulevard-Blätter-Wald zum Rauschen brachte.

Helmut Berger kommt am 29. Mai 1944 im salzburgischen Bad Ischl als Helmut Steinberger zur Welt. Die ländliche Idylle seines Heimatortes und seine strenge Erziehung in einem Franziskaner-Internat im Österreich der Fünfziger Jahre wecken in ihm schon früh die Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Nach seinem Hotelfachschul-Abschluß entflieht er endgültig der Obhut seines strengen Hotelier-Vaters und hält sich mit diversen Jobs im Ausland über Wasser. In Paris und London erhält er schließlich kleine Rollen in Werbespots und als Model. Bei einem Sprachstudium in Perugia lernt er 1964 jenen Mann kennen und lieben, den Berger selbst als Nr. 1-Mann in seinem Leben bezeichnet: Luchino Visconti. Der italienische Meisterregisseur wird zu Bergers wichtigster Bezugsperson, sowohl in seinem Privatleben, als auch in seinem filmischen Schaffen. Visconti ermöglicht dem jungen Österreicher seinen ersten Filmauftritt als Hoteldiener in dem Episodenfilm LE STREGHE (HEXEN VON HEUTE) an der Seite von Silvana Mangano. Die Bildung und der aristokratische Charme Viscontis faszinieren Helmut Berger von Anfang an. Visconti andererseits ist von der makellosen Schönheit des jungen Salzburgers hingerissen.

1968 entsteht jenes filmische Meisterwerk, mit dem Visconti seine "deutsche Trilogie" einleitet: LA CADUTA DEGLI DEI (DIE VERDAMMTEN). Dieser faszinierende Abgesang auf eine deutsche Industriellenfamilie Anfang der Dreißiger Jahre legt den Grundstein zu Helmut Bergers internationaler Karriere. In opulenten, fast barocken Bildern schildert Visconti den Untergang der Stahl-Dynastie Essenbeck (Ähnlichkeiten mit realen Vorbildern wie Thyssen und Krupp sind vom Regisseur beabsichtigt) mit Beginn des Nazi-Regimes.

Helmut Berger spielt sich in der Rolle des degenerierten jungen Erben Martin von Essenbeck an die Grenzen seines Könnens. Ähnlich wie in einer Wagner-Oper (der ursprüngliche Filmtitel sollte auch "Götterdämmerung" lauten) läßt der Regisseur seine Charaktere agieren.

Die anfängliche dekadente Verletzlichkeit Martin Essenbecks führt geradewegs in seine perverse Machtausübung und Unterdrückung gegen Ende des Films.

Helmut Berger verleiht in LA CADUTA DEGLI DEI dem Nationalsozialismus mit der Figur des Martin Essenbeck ein Gesicht - eine schaurig schöne Fratze.

Besonders jene Szene, in der das kleine Zigeunermädchen nach seiner Vergewaltigung durch den Päderasten Martin Selbstmord begeht und die ödipale Inzest-Bettszene zwischen Martin und seiner Mutter (Ingrid Thulin), in der er seine Mutter zur vollkommenen Selbstaufgabe und Erniedrigung zwingt, gehören zu den Höhepunkten des Films. In einer Schlüsselszene parodiert Helmut Berger genial als Transvestit Marlene Dietrich im BLAUEN ENGEL. Diese Szene veranlaßt sogar Regisseur Billy Wilder zu der Aussage: "Außer Helmut Berger gibt es heutzutage keine interessanten Frauen mehr."

Das Bildnis des Dorian GrayNach seinem durchschlagenden Erfolg mit LA CADUTA DEGLI DEI dreht Helmut Berger in London am Ende der Swinging Sixties IL DIO CHIAMATO DORIAN (DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY). Frei auf Oscar Wildes Fin-de-Siècle-Roman basierend, schlüpft Berger diesmal in die Rolle des jungen Beaus, der nicht altern will und seine Seele verkauft. In exzentrischen Flower Power-Klamotten und mehr noch ohne jegliche Textilien am Luxusleib zeigt der enigmatische Schauspieler den Untergang des Dandies Dorian auf, dessen Selbstporträt statt ihm altert. Hinter kitschiger Weichzeichner-Linse läßt Regisseur Massimo Dallamano seine Darsteller auf Jet-Set-Parties und im Londoner Nebel herumhampeln. Einzig die faszinierende Schönheit des Hauptdarstellers läßt die Langeweile, die dieser Film heraufbeschwört, vergessen. Helmut Berger wird hier nicht besonders schauspielerisch gefordert, er spielt sich mehr oder weniger selbst - die Inkarnation einer männliche Diva! Zu jener Zeit gehört er zu den am meisten abgelichteten und betratschten Stars der internationalen Journaille.

Seine offenen bisexuellen Liaisonen mit den damals angesagtesten weiblichen und männlichen Stars und Sternchen sorgen für Aufregung unter der nach Skandalen gierenden Leserschaft. Mick und Bianca Jagger, Nathalie Delon, Florinda Bolkan, Maria Schneider oder Rudolf Nurejew sind nur einige, denen der Österreicher seine Zuneigung bezeugt. Seine Herzensfreundinnen Ursula Andress, Marisa Mell und Romy Schneider stehen ihm auch in schlechten Zeiten liebevoll zur Seite.

Seine Verlobung mit Marisa Berenson geht nach kürzester Zeit in die Brüche. Berger selbst bezeichnet das schwedische Starlet Britt Ekland als weibliches Gegenstück zu Luchino Visconti, als die Nr. 1-Frau seines Lebens. Ekland jedoch wechselt ihre Ehemänner, u. a. Peter Sellers, Rod Stewart oder Brian Setzer fast so oft wie Liz Taylor.

1970 dreht Helmut Berger unter der Regie Vittorio de Sicas IL GIARDINO DEI FINZI CONTINI (DER GARTEN DER FINZI CONTINI). Dieses oscar-gekrönte Melodram zeigt den Untergang zweier jüdischer Familien in Ferrara Ende der 30er-Jahre. Berger spielt hier den schwindsüchtigen Bruder Dominique Sandas, der seine Schwester abgöttisch liebt. Ähnlich wie in Viscontis LA CADUTA DEGLI DEI wird hier in elegischen Bildern das Schicksal einer Familie aufgezeigt, die an der Schwelle ihrer Vernichtung steht.

Bergers nächste Filme UN BEAU MONSTRE (DER LETZTE TANZ DES BLONDEN TEUFELS) und LES VORACES (DIE GEFRÄßIGEN) legen ihn auf die Rolle des eiskalten Verführers und perversen Playboys fest. In ersterem treibt er seine jeweiligen Ehefrauen in den Selbstmord und in LES VORACES spielt er einen Croupier, der dem Geld verfällt.

Der italienische Maskenbildner de Rossi sagte einmal über Helmut Berger: "Bei ihm kommt eine einmalige Mischung aus Perversion, Naivität und Natürlichkeit zusammen, die seinen Charme ausmacht. Einen Charme, der gleichermaßen auf Männer und auf Frauen wirkt."

Das MesserIm italienischen Giallo UNA FARFALLE CON LE ALI INSANGUINATE (DAS MESSER) von Duccio Tessari wird er mehrerer Mädchenmorde verdächtigt.

1972 holt ihn wieder sein Lebensgefährte Luchino Visconti vor die Kamera. Nachdem der italienische Regisseur 1970 mit seiner werkgetreuen Thomas-Mann-Verfilmung MORTE A VENEZIA (TOD IN VENEDIG) den zweiten Teil seiner Trilogie abgeliefert hat, widmet er den dritten Teil dem bayrischen Märchenkönig Ludwig II. LUDWIG (LUDWIG II.) ist ein imposantes dreistündiges Breitwand-Epos, das in üppigen Dekors, farbenprächtigen Kostümen und sinnlicher Musik schwelgt. Doch vor allem die Wahl seiner Hauptdarsteller, allen voran Helmut Berger als schizophrener Bayernkönig, erweisen sich als Glücksgriff für den Regisseur. Trevor Howard spielt Richard Wagner in einer Vor-Bayreuther-Epoche, der dem übersensiblen musischen Ludwig Honig ums Maul schmiert.

Der blutjunge britische Schauspieler John Moulder Brown spielt Ludwigs Bruder, Prinz Otto, der schon in frühester Jugend dem Wahnsinn verfällt. In Helmut Käutners Verfilmung von 1954 LUDWIG II. - GLANZ UND ELEND EINES KÖNIGS mit O.W. Fischer in der Titelrolle hat übrigens der damals noch unbekannte Klaus Kinski den Part des Prinzen Otto. Die wichtigste Frau in Ludwigs Leben ist jedoch seine Cousine Elisabeth, Kaiserin von Österreich. Visconti wagt es, diese Rolle mit keiner geringeren als Helmuts Landsmännin Romy Schneider zu besetzen. Über 25 Jahre nach ihren Erfolgen als Sissi schlüpft sie nun wieder in das Kostüm der unglücklichen Imperatorin. Das Zusammenführen von Helmut Berger und Romy Schneider erweist sich als kongeniale Paarung. Die unerfüllte Liebe des homosexuellen Königs zu seiner Cousine gestaltet sich als Tour de Force der Gefühle. Auch privat steht Romy zeitlebens immer ihrem Kollegen bei dessen seelischen Tiefphasen bei.

Nach Viscontis Meisterwerk bleibt Helmut Berger kurz dem Genre des Historienfilms treu.

Helmut als LudwigIn der langweiligen konventionellen Verfilmung von Arthur Schnitzlers REIGEN des österreichischen Theaterregisseurs Otto Schenk verführt Helmut Berger in seiner Rolle als der junge Herr sowohl das Stubenmädchen (Sydne Rome), als auch die junge Frau (seine Namenskollegin und Österreicherin mit Weltstar-Appeal Senta Berger). Die einzigen Lichtblicke in dem faden Liebesspiel sind die weiblichen Stars Sydne Rome, Senta Berger und Maria Schneider, die damals alle gerade am Höhepunkt ihrer Karrieren waren.

In LA TESTA DEL SERPENTE (MÖRDER-ROULETTE) ist der Schauspieler wieder an der Seite von Sydne Rome zu sehen. Er spielt einen Gangster, der mit allen Mitteln versucht, seinem Syndikat zu entkommen. Trotz abgehalfterter Altstars wie José Ferrer oder Kevin Mc Carthy hebt sich dieser Film nicht von anderen italienischen 08/15-Produktionen jener Zeit ab.

Auch Bergers nächstes Werk ASH WEDNESDAY (DIE RIVALIN) könnte man ruhigen Gewissens aus den Annalen der Filmgeschichte streichen. Das Star-Vehikel um Liz Taylor und Henry Fonda als alterndes frustriertes Ehepaar (Parallelen zu Liz' wirklichem Leben sind nicht zu übersehen), in dem sich Liz nach einem Facelifting u. a. mit dem feschen Skilehrer Erich alias Helmut Berger vergnügt, ist eine grottenschlechte US/Euro-Schmonzette.

1974 dreht Helmut Berger zum letzten Mal unter der Regie Luchino Viscontis: GRUPPO DI FAMIGLIA IN UN INTERNO (GEWALT UND LEIDENSCHAFT) ist der vorletzte Film des italienischen Meisterregisseurs und gleichzeitig dessen filmischer Abgesang auf das Alter und den Generationskonflikt. Burt Lancaster spielt einen alternden amerikanischen Professor, der im prunkvollen Ambiente seines römischen Palazzos durch den Einzug junger ausgeflippter Nachbarn plötzlich aus seiner Beschaulichkeit gerissen wird.

Er glaubt sogar in der schillernden, ambivalenten Persönlichkeit des jungen deutschen Terroristen Konrad (Helmut Berger), in offener Anlehnung an die Baader-Meinhof-Gruppe, sein mögliches Spiegelbild zu erkennen. Das Melodram endet mit dem Tod Konrads bei einer Bombenexplosion. Der Professor hat eine reale Familienszene ohne Freundschaft, Liebe und Zukunft erlebt.

Als nächstes dreht Helmut Berger unter Joseph Losey THE ROMANTIC ENGLISHWOMAN (DIE ROMANTISCHE ENGLÄNDERIN). Diese bittere Satire auf bürgerliche Konventionen bietet den drei Hauptdarstellern Glenda Jackson, Michael Caine und Helmut Berger ein ideales Podium für ihre Schauspielkunst. Berger kann sich als Lover in dieser Ménage à Trois neben seinen englischen Star-Kollegen durchaus behaupten.

Seine nächste Filmrolle als Nazi-Offizier in Tinto Brass' SALON KITTY führt ihn wieder in die Gefilde des Euro-Trash zurück. An der Seite von Ingrid Thulin als Puffmutter, mit der er bereits sieben Jahre zuvor in LA CADUTA DEGLI DEI zu sehen war, beweist er wieder mal, wie gut ihm die SS-Uniform steht. Sein dekadent-perverses Spiel fügt sich hervorragend in Tinto Brass' "Third Reich Goes Bordello"-Revue. Als ich SALON KITTY bei einer Wiederaufführung in einem jener typischen Schmuddelkinos in einem Wiener Randbezirk zum erstenmal zu Gesicht bekam, nachdem ich mich als Schulmädel erfolgreich durch die Ausweiskontrolle geschmuggelt hatte, war ich vom choreografischen erotischen Geschehen auf der Leinwand fasziniert. War wohl für meine Altersgruppe doch nicht das geeignete Filmmaterial. Doch das war IL PORTIERE DELLA NOTTE (DER NACHTPORTIER) wohl auch nicht.

1976 ereignet sich für Helmut Berger die Tragödie seines Lebens, als die Liebe seines Lebens, sein Mentor und Freund Luchino Visconti starb. Berger sagt über sich selbst, als er plötzlich mit 32 Jahren zum Witwer wurde: "Er war mein Sauerstoffzelt. Seit er tot ist, ist ein riesiges Kartenhaus zusammengebrochen. Ich habe den Fixpunkt in meinem Leben verloren."

Der Österreicher wendet sich exzessiv dem Alkohol und den Drogen zu, um seinen Kummer zu betäuben. Am einjährigen Todestag Viscontis wird er schließlich im letzten Moment durch seine Haushälterin von einem Suizid-Versuch mit einem Valium-Whiskey-Cocktail gerettet.

Er stürzt sich wieder in die Schauspielerei und spielt unter Hollywood-Regisseur Marvin Chomsky den Flugzeugentführer in VICTORY AT ENTEBBE (UNTERNEHMEN ENTEBBE). Die authentische Verfilmung des israelischen Geiseldramas am Flughafen von Entebbe (Uganda) ist heute vor allem durch die kuriose Besetzung interessant: Anthony Hopkins als Premierminister Rabin, Burt Lancaster als Verteidigungsminister Peres und Linda Blair als israelische Geisel. Helmut Berger als Terroristen-Chef kann den Film auch nicht mehr retten.

Bei den Dreharbeiten verdreht er jedoch der minderjährigen Linda Blair ganz schön den Kopf und hat auch mit ihrem Bruder ein "Gspusi".

Nach dem banalen 2. Weltkriegs-Film IL GRANDE ATTACCO (DIE GROßE OFFENSIVE) von Umberto Lenzi mit John Huston, Henry Fonda und Stacy Keach, der nichts anderes als ein billiges Plagiat von STEINER ist, dreht Helmut Berger in Deutschland DAS FÜNFTE GEBOT.

In dem authentischen Streifen über die Heidger-Bande, die Ende der Zwanziger Jahre im Ruhrpott sämtliche Raubmorde verübte, ist Helmut Berger an der Seite von Udo Kier zu sehen.

Ende der Siebziger Jahre jettet Helmut ständig zwischen seinem Hauptwohnsitz Rom und anderen europäischen Metropolen hin und her. Er hält es an keinem Ort lange aus, zu sehr hält ihn seine Dynamik und Hyperaktivität auf Trab.

Zitat André Heller: "Berger ist das heilige Monster, dessen Exzentrik dort beginnt, wo das österreichische Verständnis aufhört."

Legendär sind Bergers ausgeflippte Parties und Disco-Besuche. Zu seinem dreißigsten Geburtstag lädt er "tout" Rom zu einer "Bad Taste"-Party in die damals angesagteste Disco "Jackie O." ein. Alle Gäste müssen sich total geschmacklos stylen, um dem Gastgeber genüge zu sein. Mit 48 Jahren gibt er eine Geburtstags-Fete zu seinem 50er. Eine amüsante Anekdote aus seiner Autobiografie möchte ich nicht vorenthalten: Bei einer noblen Gala in Monte Carlo gerät Berger in eine heftige Bredouille, als er sich mit Dünnpfiff als Folgeerscheinung von zuviel Koks seinen weißen Smoking versaut und neun Stunden in seiner Kacke sitzt, da er so die Festtafel nicht verlassen kann.

In Italien dreht er unter anderem mit Marisa Mell den ziemlich abgefahrenen Film FEROCE (DER TOLLWÜTIGE) in dem er einen sadistischen Psychopathen zum besten gibt, der aus dem Gefängnis ausbricht, um sich grausam an jenen zu rächen, die ihn verraten haben.

1979 dreht er unter der Regie von Claude Chabrol und Juan-Luis Bunuel (Sohn von Luis Bunuel) den Fernseh-Vierteiler FANTOMAS. Helmut Berger spielt im Paris der Zwanziger Jahre den maskierten Gentleman-Verbrecher Fantomas, der die Polizei zum Narren hält. Klassische Gruselelemente und subtiler Suspense unterscheiden die TV-Verfilmung auf angenehme Weise von jenen klamaukhaften Fantomas-Filmen der Sechziger Jahre mit Jean Marais und Louis de Funès. Helmut Berger verleiht dem skrupellosen Verwandlungskünstler in diesem Kriminalmärchen ein mondänes Gesicht.

Nach dem unbedeutenden Film LE ROSE DI DANZICA (DIE ROSEN VON DANZIG), einer pathetisch-langweiligen Geschichte eines preußischen Offiziers in den Revolutionswirren von 1919, bei der er sich mit Co-Star Franco Nero in die Haare gerät, wechselt Berger das Genre, um in der italienischen Komödie MIA MOGLIE È UNA STREGHA (MEINE FRAU IST EINE HEXE) den Teufel höchstpersönlich darzustellen.

Die Dreharbeiten zu dem dilettantischen Machwerk DEADLY GAME (DIE JÄGER) werden 1981 von heftigen Protesten seitens engagierter Tierschützer begleitet. Die Filmcrew wird bezichtigt, in der Hohen Tatra Hunderte von Rehen, Wildschweinen und sogar Zirkusbären gefoltert und abgeschlachtet zu haben. Helmut Berger wird in den Medien als Tierquäler angeprangert. Laut seinen Aussagen handelt es sich bei den Tierschlachtszenen jedoch um täuschend echte Special Effects, so wurde u. a. kein Zirkusbär hingemetzelt, sondern auf einen alten Pelzmantel einer Freundin eingestochen. Die konstruierte Dreiecksgeschichte mit Fassbinder-Femme-Fatale Barbara Sukowa und Mel Ferrer floppt zu recht an den Kinokassen.

Die Achtziger Jahre bringen Helmut Berger sowohl filmisch, als auch in seinem Privatleben wenig Erfreuliches. Der Star, der einst zu den schönsten Männern der Welt gezählt wurde, dem Männer und Frauen gleichermaßen zu Füßen lagen, kann es nur schwer ertragen, älter zu werden. Mit knapp 40 Jahren ist der österreichische Weltstar bereits vom Schicksal und seinen unzähligen Alkohol-und Drogenexzessen gezeichnet. Er entflieht seinem ausschweifenden Leben in Europa für kurze Zeit, um in den USA in der Mega-Seifenoper DYNASTY (DER DENVER-CLAN) mitzuwirken. Als Peter de Vilbis bringt er für einige Folgen europäischen Glamour in die Ölmetropole Colorados.

Er dreht den unbedeutenden Softsex-Insel-Schmus FEMMES und schlüpft für den Hollywood-Kriegsschinken EMERALD (CODENAME: EMERALD) wieder einmal in die Nazi-Uniform.

1988 dreht er mit Trash-Hohepriester Jess Franco das Remake von George Franjus LES YEUX SANS VISAGE (AUGEN OHNE GESICHT) LES PREDATEURS DE LA NUIT. An der Seite von Telly Savalas, Brigitte Lahaie, Caroline Munro und Stéphane Audran gibt er in dem splattrigen Chirurgen-Epos eine gutes Pendant zu George Clooney in ER ab. Mundschutz und Arztkittel stehen auch unserem Helmut prächtig.

Danach dreht er in Italien die historische Fernsehserie I PROMESSI SPOSI (DIE VERLOBTEN) nach Alessandro Manzonis Roman über die Pest in Mailand.

Eine Herausforderung wird für den Schauspieler seine Mitwirkung in Francis Ford Coppolas Mafia-Epos THE GODFATHER: PART III (DER PATE III). Neben Al Pacino, Andy Garcia und Diane Keaton überzeugt Berger mit europäischer Schauspielkunst.

In den Neunziger Jahren wirkt Helmut Berger des öfteren in Produktionen junger Filmemacher mit. Nicht die Gage steht im Vordergrund, sondern das emotionale Engagement für Kunst und Kultur. Berger ist immer ein Schauspieler mit Leib und Seele gewesen. In Christoph Schrewes BOOMTOWN spielt er einen fiesen neureichen Immobilien-Hai und man merkt, daß er die Rolle sichtlich genießt.

Auch seine Verbindung mit Bayernkönig Ludwig läßt ihn nicht los. 20 Jahre nach der Rolle seines Lebens in Viscontis Meisterwerk, schlüpft Helmut Berger abermals in die Kostüme des dekadenten Adeligen. LUDWIG 1881 des Schweizer Brüderpaares Donatello und Fosco Dubini zeigt vor allem die melancholische Beziehung des Märchenkönigs zu dem Hofschauspieler Josef Kainz. Um seine privaten Eskapaden ist es zwar in den letzten Jahren etwas ruhiger geworden, doch stürzt sich die internationale Presse noch immer gierig auf seine "Ausrutscher" ,wie seine noch immer nicht annullierte Kurz-Ehe mit Francesca, die ihn finanziell in die roten Zahlen bringt. 1993 zeigt er beim Wiener Filmfestival Viennale wieder mal, was er medienwirksam auf dem Kasten hat: Bei einem Publikumsgespräch beschimpft er den amerikanischen Regisseur Peter Bogdanovich, der daraufhin diese Episode später sogar in einem Film verarbeitet.

Amüsant sind auch weiterhin die Auftritte Bergers bei diversen Talkshows, allen voran bei Thomas Gottschalk, Harald Schmidt oder Christoph Schlingensiefs "Talk 2000" an der Seite von Beate Uhse. Mit dem deutschen Agent Provocateur dreht Berger auch DIE 120 TAGE VON BOTTROP.

Leider kommt es in den Medien und im Internet, allen voran auf der IMDb und sogar auf der Unofficial Website von Helmut Berger, immer wieder zu peinlichen Verwechslungen mit dem Grazer Schauspieler Helmut Berger, bekannt aus der ALPENSAGA und EXIT II. Diese Ungenauigkeiten dürften nicht sein.

Im Vorjahr steht die österreichische Leinwandgröße für die holländische Filmemacherin Miriam Kruishoop wieder mit Udo Kier vor der Kamera. UNTER DEN PALMEN wird auf diversen Independent Film Festivals gezeigt und beweist wieder mal, daß Berger auch in kleinen Produktionen sein Können voll und ganz ausschöpft.

Er hat während seiner gesamten filmischen Laufbahn sein Bestes gegeben, ob er nun mit Viscontis Meisterwerken in unerreichte filmische Sphären vordrang oder in miesen B-Movies verheizt wurde. Er hat nie seine Kontenance und seinen Stil verloren.

Paul Morrisey sagte mal treffend über ihn: "Für mich ist es etwas skurril, daß der beste italienische Schauspieler ein Österreicher ist."

Irma Dolezal

erschienen in Splatting Image Nr. 43 - 09/00