| John McNaughton |
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erschienen in Splatting Image Nr. 15 - 09/93
Nun, das Geld war eigentlich weit vor der Idee da. Ich träumte schon lange Zeit davon Filme zu machen, hatte aber bis zu diesem Zeitpunkt nie die finanziellen Möglichkeiten. Icharbeitete damals schon länger für die Firma MPI VIDEO in Chicago, die mir dann letztendlich auch das nötige Geld zur Verfügung stellten. Aber ich habe bereits für sie gearbeitet, bevor sie ins Videogeschäft einstiegen, ja eigentlich bevor es überhaupt die gesamte Branche gab. Als MPI eines Tages ins Video-Business einstieg, übrigens zu einem sehr frühen Zeitpunkt, verdienten sie eine Menge Geld mit der ganzen Geschichte. Sie beauftragten mich, diverse Dokumentarfilme als direkte Videoveröffentlichungen herzustellen. Als sich jedoch die Kostensituation erheblich anspannte und die Auftraggeber darüber äußerst unzufrieden waren, entschlossen sie sich, einen richtigen Spielfilm zu produzieren, worüber ich mit ihnen schon immer geredet hatte. Zu der Zeit, um 1985, verkauften sich Horrorfilme exzellent auf dem Videomarkt und so fragten sie mich, ob ich nicht einen Horrorfilm drehen könnte. Die einzige Bedingung, die sie mir stellten war, daß ich nicht mehr als 100.000 US-Dollar ausgeben dürfte, alles andere war ihnen egal. Ich war sofort einverstanden. Als ich gerade das Gebäude verlassen wollte, kam ich an dem Büro eines Freundes vorbei, der ebenfalls für die Company arbeitete. Ich erzählte ihm also die Geschichte, ohne zu wissen, über welches Thema ich denn nun einen Film drehen sollte. Daraufhin zeigte er mir eine Videoaufzeichnung einer ABC-Story über Henry Lee Lucas. Es wurde darin berichtet, daß er über 300 Menschen getötet haben soll. Sie hatten Interviews mit ihm und erzählten seine Geschichte. Dies machte auf mich wirklich einen erschreckenden Eindruck, weitaus erschreckender jedenfalls als Monster (deshalb hat die Weichbirne ja auch THE BORROWER gedreht - Anm. des Abtippsklaven), Fliegende Untertassen oder Kettensägen. Und so entstand die Idee zu HENRY. Welchen Rang hat für Sie HENRY in Ihrer Karriere als Regisseur? Ich denke, daß man mit dem ersten Film einen bleibenden Eindruck hinterlassen sollte. Nun, MPI wollte einen Horrorfilm haben und wir hatten nicht das Geld für aufwendige FX. Um das Publikum dennoch zu erschrecken, wählten wir ein Thema aus, welches zu den schrecklichsten zählt, was wir uns vorstellen können - das Abschlachten von Menschen. Wenn z.B. ein Mann seine Frau umbringt, weil sie ihn mit einem anderen betrogen hat, so ist dies sicherlich eine gräßliche Tatsache, die Motivation des Mörders ist jedoch nachvollziehbar. Als das Serial-Killer-Phänomen in den Staaten ins Licht gerückt wurde, bekamen es die Leute allerdings wirklich mit der Angst zu tun, da in den meisten Fällen die Motivation des Killers nicht zu erkennen ist. Wenn ich Ihnen eins auf die Nase schlage, bin ich mit Sicherheit nicht entsetzt, wenn Sie zurückschlagen, ich erwarte ja diese Reaktion. Aber wenn ich mein Hotel im Dunkeln verlasse, mich an jemanden heranschleiche und diesen von hinten niedersteche ist dies erschreckend. Du fühlst Dich in der Welt nicht mehr sicher. Dies basiert auf unseren ursprünglichen ßngsten. Jene Erfahrung auf der Leinwand zu sehen ist schon eine erschreckende Idee und im Kino gibt es Wege, diese Situation ins Extreme zu steigern. Henry Lee Lucas sagte, daß es im ganzen Land Leute wie ihn gibt, die sich aufmachen, menschliches Leben zu zerstören. Denken Sie, daß sich dieses Statement als Botschaft ihres Films übertragen läßt? Dies ist die grundlegende Angst, mit der sich der Film beschäftigt. Aber es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Botschaften, die der Film vermittelt. Eine Botschaft, die für mich interessant ist und mit der wir spielen, ist die Selbsterkenntnis, die der Zuschauer durch den Film erfahren kann. Viele Filme benutzen Gewaltdarstellungen als eine Form der Unterhaltung. Es gibt in HENRY eine Szene, als Henry und Otis eine Familie bestialisch ermorden und sich den Tötungsakt per Videoaufzeichnung anschauen. Gerade in diesem Moment sollte sich der Zuschauer über den exzessiven Gewaltakt bewußt werden und Gewalt als pure Unterhaltungsform hinterfragen. In einer früheren Szene bekommt dieser dicke Kerl einen Fernseher über den Kopf gestülpt - das ist Entertainment. Mich belustigt das, eben ein eher traditioneller Weg, Gewalt als Unterhaltung zu präsentieren. Aber die Ausübung von tatsächlicher Gewalt gegenüber unschuldigen Opfern, wie später dargestellt, ist eine Tatsache, über die jeder nachdenken sollte. Eine Stärke von HENRY ist die Ambiguität des titelgebenden Charakters... ...Als ich diese Aufzeichnung vom echten Henry sah, konnte ich mir kaum vorstellen, vor ihm Angst zu haben. Er war kein gebildeter Mann, stammte aus ärmlichen Verhältnissen und sah nicht gerade so aus, als würde er auf dich zugehen und dir den Hals umdrehen. Interessanterweise erschien er sogar auf seine Art charmant. In vielen Filmen wird der böse Charakter viel zu eindimensional dargestellt. Er rennt auf die Straße, tritt einen Hund, so daß auch der letzte von seiner abgrundtiefen Boshaftigkeit überzeugt wird. Ich glaube, daß die Leute dies nicht unbedingt mögen. Auch ein Mann wie Lucas hat mit Sicherheit einige gute Eigenschaften, obwohl ich ihn leider nie persönlich getroffen habe. In den meisten Produktionen wird uns ein Protagonist vorgesetzt, welcher als Identifikationsfigur gilt und mit dem wir einige Leinwandabenteuer erleben - dies ist der traditionelle Weg. Bei HENRY erfährt man relativ früh im Film, daß diese Person ein Mörder ist und wartet förmlich auf das Erscheinen seines Antagonisten. Aber Schrtitt für Schritt wird einem dann gewahr, daß Henry selbst die Identifikationsfigur bildet. Dieser Prozess ist eine sehr unangenehme Erfahrung, da du dich ja selbst von dem Handeln der Person ausgrenzt - du bist kein Mörder. Grundsätzlich tragen wir aber alle die Bereitschaft zur Gewalt in uns. Schauen Sie sich doch nur die Tageszeitungen an. Es ist einfach zu leicht, wenn schon nach wenigen Minuten klar wird, wer der böse Charakter ist, und dann später der 'Good Guy' auftaucht. Merkwürdigerweise jedoch ist die moralisch verwerfliche Figur in HENRY auch der gute Charakter. Diese Tatsache offenbart dir einen Einblick in deinen eigenen Charakter und ermöglicht dir, über deine persönlichen moralischen Grundsätze nachzudenken. Ein Mann wie Henry beispielsweise, der ohne Zweifel ehrbare Qualitäten in sich birgt, läßt dieses kleine Tor vermissen, welches sich schließt, wenn wir aufgrund einer vielleicht kleinen Verärgerung auszuklinken drohen - wenn das rudimentär animalische in uns hochkommt. Sein Tor steht weit offen, er ist nicht mehr in der Lage, sich zu kontrollieren. Wenn ihn etwas ärgert, tötet er die Ursache. Viele Menschen verfügen ebenso über diesen Drang, finden aber einen Weg, um diese Gefühle oder Wünsche zu stoppen. Die Umstände, unter denen der echte Henry aufwuchs, führten wohl in seinem Fall zu dem schrecklichen Verhalten. Er ist aber keinesfalls eine völlig andere Art menschlichen Wesens, er ist genauso ein Mensch wie wir, die wir hier sitzen. Du solltest einige Zeit darüber nachdenken, wie er zu seiner jetzigen Situation gekommen ist und wie du dich selbst von ihm unterscheidest. Wenn du ihn ohne das Wissen über seine Taten kennenlernen würdest, würdest du ihn wahrscheinlich für einen netten Kerl halten. Denken Sie, daß die Irritation des Zuschauers ein Hauptgrund für das X-Rating Ihres Films war? Die Leute, die im Filmgeschäft etwas zu sagen haben, mögen zwei Dinge nicht. Zum einen die moralische Unklarheit, der Film gibt über den Charakter von Henry kein klares Urteil ab, zum anderen den Realismus. Es ist die Wahrheit, vor der die Leute Angst haben. Allerdings hat man bei einer kleinen Company bessere Chancen seine Ideen durchzusetzen. Das 'Board of Censorship' in den Staaten, welches ja eigentlich keine Zensurstelle ist, da es in den USA offiziell keine Zensur gibt, hat überhaupt nicht die Macht, deine Filme zu beschneiden. Das einzige, was sie tun können, ist Leuten unter 17 Jahren das Ansehen von bestimmten Filmen zu verbieten. Die MPAA ist von den führenden fünf Studios gegründet worden. Dies hat zur Folge, daß bei einem 50 Mio.-US-Dollar-Film die Chancen für ein R-Rating recht günstig stehen. Wird jedoch ein 100.000 US-Dollar-Film von einer kleinen Gesellschaft auf den Markt gebracht, so muß einfach etwas zensiert werden. Ein reicher Mann kann einen Mord begehen und landet dafür vielleicht ein Jahr im Gefängnis, während ein Armer für ein gestohlenes Brot unter Umständen für zehn Jahre hinter Gitter muß. Die Welt läuft nun einmal in solchen Bahnen. Gibt es eine Möglichkeit, das System zu ändern? Für ein Land wie die USA, das allgemein immer noch als das demokratische Land schlechthin gilt, erscheint es obskur, über ein derartiges System zu verfügen. Es ist wirklich verrückt. Allerdings glaube ich, daß wir uns zur Zeit noch mit dem geringeren Übel plagen. Stellen Sie sich doch einmal vor, was ohne die MPAA passieren würde. Die Zuständigkeiten würden den individuellen Bundestaaten zugewiesen werden. Dann hätten wir nämlich 50 Zensoren und jeder Staat hätte ein anderes System. Dies würde ein Desaster für die großen kommerziellen Studios bedeuten. Um dies zu vermeiden, kontrollieren sie sich lieber selbst. Nun, aber einige der Regeln der MPAA berufen sich auf den 'Hays-Code', welcher in den 20er Jahren entstanden ist... Sie haben es ja mit dem neu eingeführten NC-17 Rating versucht. Aber im Grunde genommen ist dies zu 95% mit einem X-Rating gleichzusetzen. Es war eines dieser Manöver, um die bedauerliche Situation zu ändern, was jedoch letztlich mißlang. Natürlich sollte sich kein 9jähriger HENRY ansehen, für Erwachsene sollte man allerdings absolut nichts zensieren, vorausgesetzt, es steht nicht im direkten Zusammenhang mit einem Verbrechen wie beispielsweise Kinderpornos. Theoretisch kann ein mit einem X-Rating bedachter Film ja auch überall gezeigt werden, aber aus einer kommerziellen Sichtweise heraus betrachtet bedeutet dies, daß 90-95% der Kinos in den USA diesen Film nicht zeigen. Die meisten Kinos liegen nämlich in den Shopping Malls in den Vororten der großen Städte. Die Besitzer dieser Theater wollen eine saubere Leinwand. Um die Pornographie und Gewalt aus den Sälen zu vertreiben, weigern sie sich, Filme mit einem X-Rating zu spielen, was jedoch keine Lösung ist. Wenn ein Regisseur seinen Film nicht der MPAA vorlegt, bedeutet dies den kommerziellen K.O. Eigentlich dachten wir gar nicht daran, daß HENRY überhaupt ein X-Rating bekommen würde. Die Gesellschaft, die HENRY in die Kinos bringen wollte, plante einen Start mit 3-600 Kopien. Dies ist nicht unbedingt eine hohe Anzahl, aber für ein kleines Unternehmen wie wir war das eine solide Startbasis. Als wir dann das X-Rating bekamen, lief der Film nur in 35-40 kleinen Theatern, was die Einnahmen um 90% reduzierte. Wenn du die MPAA wirklich umgehst, verurteilst du deinen Film zum kommerziellen Tod. Grundsätzlich sei aber auch noch einmal festgehalten, daß Erwachsene sich das ansehen dürfen, was sie möchten. War der kommerzielle Verlust bei HENRY wirklich derart hoch? Bei einem Budget von 100.000 US-Dollar war die ganze Angelegenheit nicht so extrem schlimm. Durch die Videoveröffentlichung und den Verkauf der Rechte in der gesamten Welt fiel das Projekt für die Produzenten noch recht gewinnbringend aus. Wenn man jedoch 25 Mio. US-Dollar zur Verfügung hätte und man würde bewußt einen Film mit einem X-Rating drehen, so hätte dies den Verlust von mindestens 20 Mio. US-Dollar zur Folge. Aber leider habe ich selbst nicht mal 25.000 US-Dollar. Die Chance, einen eigenen Film zu produzieren, werde ich wohl nie haben. Die Leute, die wirklich Geld haben um produzieren zu können, befinden sich im 'Money Business' und nicht im Filmgeschäft. Letztendlich bin ich sehr glüchlich darüber, HENRY nicht geschnitten zu haben. Ich kann mich jedoch daran erinnern, daß die Engländer 1'48 Minuten herausnahmen, um den Film auf Video zu veröffentlichen. Dennoch habe ich Sympathien für die Leute, die Filme finanzieren. Es ist halt nicht mein Geld, mit dem ich spiele, ich bin nur der Künstler. Kommen wir zu THE BORROWER, Ihrem zweiten Spielfilm. Wie würden Sie denn den Charakteraufbau dort beschreiben? In THE BORROWER gibt es keine Hauptfigur. Ich schrieb das Originaldrehbuch zusammen mit Richard Fire und es drehte sich im Grunde genommen nur um das Monster. Diese Polizeigeschichte mit Rae Dawn Chong war eigentlich nur verrücktes Beiwerk. Aus einer Menge von Gründen, einige von ihr, einige vom Studio herbeigeführt, sollte die Cop-Geschichte in den Mittelpunkt gerückt werden. Ich kümmerte mich wirklich herzlich wenig um die ganze Angelegenheit, allein das Monster war es, was mich interessierte. So ist die Hauptfigur für mich immer noch das Monster, aber seit den vielen Änderungen kannst du dich mit diesem nicht mehr identifizieren, jemand anderes ist an seine Stelle getreten. Wenn du dir deine Hauptfigur aussuchst, ist dies immer jemand, für den du Gefühle entwickelst. Ich versuche, den Zuschauer in die Rolle dieses Charakters zu versetzen, d.h. mit seinen Augen zu sehen, der Charakter selbst zu sein. Nicht nur dahinterstehen und zuschauen, sondern den Charakter als Zuscher zu verkörpern, mit ihm verbunden zu sein, um seine Welt zu verstehen. THE BORROWER ist im Prinzip eher eine Liebesgeschichte. Die titelgebende Figur ist ein Gefangener, der einfach Angst hat, zumal er nicht gerade ein tapferer Geselle ist, und Zeit seines Lebens auch nie einer war. Während des Films muß er sich zu einer tapferen Person entwickeln, um derjenigen zu helfen, in die er sich verliebt hat. Die schlimmste Strafe für den Außerirdischen ist, in einen Menschen verwandelt zu werden. Wie denken Sie im Allgemeinen über die Menschheit? Fähig zu unermeßlichen Grausamkeiten und Häßlichkeiten, aber auch fähig zu Momenten unendlicher Schönheit und Tapferkeit. Fähig zu beiden Extremen. Sind Sie ein eher pessimistisch denkender Mensch? Ja, absolut! Aber ich bin eher ein realstischer Pessimist. Ich bin fest davon überzeugt, daß Menschen dazu fähig sind, wundervolle Momente von Schönheit und Anmut zu begehen. Allerdings ist nicht jeder dazu fähig. Steht THE BORROWER für die Kehrseite der Medaille des 'American Way Of Life' und geht unter die Oberfläche von dem, was uns in den Medien serviert wird? Als sich sechs Leute aus dem Osten zusammenschlossen, um das Filmgeschäft zu begründen ging es ihnen wirklich um die Erschaffung einer Kunstform - dem Film. Sie waren weder Anwälte, noch Agenten, sondern machten einfach Filme. Heute geht es doch nur darum, eine Menge Geld zu verdienen, Filme kommen dabei eher als Nebenprodukt heraus. Auch die Gründer des TV-Systems in den Staaten hatten zu Beginn wirklich ehrenwerte Vorsätze. Vor allen Dingen war das Fernsehen in meiner Jugend, etwa in den 50er und 60er Jahren relativ liberal, worüber sich die damalige Regierung immer wieder beklagte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich damals die Bürgerrechtsbewegung per Bildschirm mitbekam. Ich wuchs im Süden von Chicago auf, in einer Gegend, wo hauptsächlich die Arbeiterklasse ansässig war. Es war eine sehr rassistische Epoche. Im Fernsehen lief damals eine Sendung, in der Schwarze beim Essen in einem Restaurant gezeigt wurden. Plötzlich kamen einige Leute und riefen: "Schlagt sie, bringt sie ins Gefängnis, eröffnet das Feuer auf sie". Sie wurden dann sogar noch von einigen Polizisten unterstützt. Als wir das sahen, waren wir alle sehr erschrocken und verurteilten diese unmenschliche Tat. Durch das Medium Fernsehen wurde der Bürgerrechtsbewegung einen entscheidenden Schritt weitergeholfen. Und dann kam Vietnam. Jede Nacht sahen wir sie ankommem, die amerikanischen Soldaten, sie waren tot. "Dies ist der Kerl, der neben dir wohnt, kennst du ihn, er ist tot". Die Fernsehanstalten gingen einfach hin und berichteten über die Ereignisse, was für mich völlig in Ordnung ist. Während der Reagan-Jahre wurde NBC durch die General Electric Corporation aufgekauft und Caps City angelte sich ABC. Als dann der Golfkrieg ausbrach, wurde die Berichterstattung drastisch eingeschränkt. Sie wußten, daß der Grund für die ablehnende Haltung der Bevölkerung während des Vietnamkriegs in der weitgehend uneingeschränkten Berichterstattung lag. Die Menschen sahen, was tatsächlich vor sich ging. Diesen Fehler wollten sie nicht noch einmal begehen. Heute werden die Medien von großen Gesellschaften kontrolliert. Du siehst nur Dinge, die auch sie sehen wollen. Wenn jetzt ein Krieg ausbräche, würden doch nur Berichterstatter zugelassen werden, die bisher noch kein kritisches Wort verloren haben. Ihnen wird dann vorgeschrieben, was sie filmen dürfen und was nicht. Die Reagan/Bush-Jahre waren ein Desaster für die USA. Sie wollten uns weismachen, daß alles in der Welt glücklich und wundervoll ist. Irgend jemand muß uns das Ergebnis ihrer 'Arbeit' einmal vor Augen halten. Eine Botschaft von THE BORROWER könnte also sein, daß Informationen so wahr sind, wie sie verkauft werden? Vielleicht. Sicher ist nur, daß uns eine Menge vorenthalten wird. Sie waren mit dem Endprodukt von THE BORROWER eigentlich gar nicht so zufrieden, da es immense Schwierigkeiten bei der Produktion gab. Die Produktionsfirma, für die wir drehen sollten, stand kurz vor dem Bankrott und unser versprochenes Geld verschwand plötzlich vom Budget des Films. Bei HENRY hatte ich von solchen Dingen noch überhaupt keine Ahnung und wir drehten den Film so, wie wir ihn haben wollten. Wir bekamen das Geld und wurden mit unseren Plänen alleingelassen. THE BORROWER stellte uns vor eine völlig neue Situatuion. Wir hatten einen 'Head of Production', der ein sehr seltsamer Kerl war. Er teilte uns einen sogenanten 'Line Producer' zu. Diese Person macht sich nicht viel aus Filmen. Er denkt weitgehend an seinen eigenen Profit, als Filmliebhaber kann man ihn wirklich nicht bezeichnen. Zudem bringt er seine eigenen Freunde mit, die an dem Film mitarbeiten sollen. Einige davon machen ihre Arbeit recht ordentlich, aber andere eben nicht. Eines jedoch haben sie alle gemeinsam, sie sind ihm treu ergeben. Mit diesem Menschen mußte ich zwangsläufig zusammenarbeiten und das Beste daraus machen. Ich denke, es ist auch kein Geheimnis, daß Rae Dawn Chong und ich nicht gerade eine freundliche Beziehung zueinander hatten. Wie gesagt spielten die Cops in unserem ersten Script eine eher untergeordnete Rolle. Der Borrower war dort draußen und die Cops jagten ihm relativ orientierungslos hinterher. Dann kam der Punkt, als jemand zu mir sagte, daß ich den Film so nicht drehen könnte. Angeblich würde ohne die Verwendung des abgegriffenen Polizei-Klischees die dramaturgische Spannung fehlen. Und dann hast du da diese Person, die von sich selbst denkt, ein Star zu sein. Als Rae Dawn Chong zum ersten Mal das Script las, ich kann mich noch genau an ihren Gesichtsausdruck erinnern, sagte sie: "Das Monster ist der Star des Films!", was ich enthusiastisch bejahte. Dann begann das Überarbeiten des Drehbuchs... Aber ich mag den Film immer noch wegen seines Humors. Als ich ihn vor einigen Wochen noch einmal im Kabelfernsehen sah, wurde ich an einige gute Freunde erinnert. Wenn du weißt, daß einige der Schauspieler während der Dreharbeiten zu persönlichen Freunden geworden sind, siehst du den Film mit ganz anderen Augen. Erinnerungen an Erlebnisse auf dem Set werden dir wieder ins Gedächtnis gerufen. Wenn ich mir heute meine Filme mit der Gewißheit ansehe, daß eine Menge von Schauspielern wie De Niro, Murray, Uma Thurman, Michael Rooker und ganz besonders Tomy Towles nun zu meinen Freundeskreis zählen, schaue ich sie mir in den Filmen selbst natürlich ebenso gern an. Erscheint aber Rae Dawn Chong, so schalte ich sofort um. Ich kann sie mir einfach nicht mehr ansehen! Gibt es zu Ihren Filmen eigentlich den jeweiligen 'Directors Cut'? HENRY ist der DC. THE BORROWER ist ebenso mein Endschnitt. Ich kann nicht mehr zurückgehen und den Film neu zusammenschneiden, schließlich habe ich das Drehbuch zu der jetzigen Fassung verfaßt. Wir improvisierten zwar gelegentlich, aber im Grunde genommen entspricht der Film meinem letzten Drehbuch. bei MAD DOG AND GLORY waren die Veränderungen nicht so gravierend, als daß dies einen völlig anderen Film hätte entstehen lassen. Bei einigen Änderungen bin ich im nachhinein froh, daß wir sie vorgenommen haben. Bei ein oder zwei Dingen war ich weniger zufrieden. Die Filme, die ich bisher gemacht habe, gehen in den jeweiligen Fassungen schon in Ordnung. In SEX, DRUGS, ROCK & ROLL gab es zwölf Figuren, die ihr Talent als Komiker unter Beweis stellten. Einer von ihnen, es war ein Weißer, der einen Schwarzen darstellte, hatte einen wirklich düsteren Humor. Die Leute, für die ich den Film herstellte, sagten mir damals, daß er zu lang sei und daß ein Charakter herausgenommen werden müßte. Ich wußte natürlich sofort, wen sie meinten, denn der Kerl stellte eine unsymphatische schwarze Person dar. Dies ist in den USA mit erheblichen Problemen verbunden. Allzu schnell wirst du als Rassist verurteilt, was natürlich Unfug ist. Schließlich gab es ja zwölf verschiedene weiße Figuren, die allesamt unsymphatisch waren. Für mich war das eine Farce. Die Productionsfirma ist danach bankrott gegangen. Aber im Grunde ändert das Herausschneiden dieses Typen die Geschichte nicht, da es ja keine Storyline gibt, sondern nur zwölf kleine Teile. Ich jedenfalls habe mir die Videokassette gesichert, die absolut komplett ist. Zudem mußten sie mir versprechen, daß nur die intakte Fassung bei der Laserdisc-Veröffendlichung in Frage kommt. Dies ist allerdings hinfällig geworden, da sie nicht mehr im Geschäft sind. Vielen Dank für dieses Gespräch. Interview & Übersetzung: Stephan Zapka |