Sergio Martino
erschienen in Splatting Image Nr. 10 - 06/92

Sergio MartinoSergio Martino wurde am 19. Juli 1938 in Rom als Sohn von Regisseur Gennaro Righelli (1886-1949) geboren. Zusammen mit seinem Bruder, Luciano Martino (aka Martin Donan), der ebenfalls als Schreiber, Produzent und Regisseur arbeitet, leitet er die Produktionsfirma Dania Film. Sergio Martino versuchte sich in verschiedenen Genres wie Shockumentary / Mondo-Film, Western, Krimi-Actionfilmen usw., ist aber unter den Filmfreunden eher für seine Giallo-Thriller und Sexkomödien mit Edwige Fenech bekannt. In den letzten zehn Jahren führte er bei einer Reihe von Low-Budget-Komödien mit den Stars Gigi Sammarchi und Andrea Roncati und einer Anzahl von für den Export bestimmten Sci-Fi Actionfilmen (unter seinem Moniker 'Martin Dolman'), sowie mehreren TV-Serien (als 'Christian Plummer') die Regie. In einem Interview mit der italienischen Filmzeitschrift CIAK im Juli 1987 sagte er selbstkritisch zu seinem filmischen Schaffen: "Meine Filme sind wie Soft-Drinks - erfrischende, ungiftige Produkte für den Massenkonsum. Ein Soft-Drink hat zwar nicht das Prestige von Champagner, aber ich hab' lieber einen guten Sprudel als einen verdünnten Wein."

Wie kamen Sie ins Filmgeschäft?

Nun, ich wurde im Juli 1938 in Rom geboren. Bei den Martinos ist es fast schon Familientradition, in der Filmindustrie zu arbeiten. Mein Großvater Gennaro Righelli war in den 30er und 40er Jahren ein ziemlich bekannter Regisseur hier in Italien. Es war ihm vergönnt, den allerersten italienischen Tonfilm LA CONZONE DELL'AMORE im Jahr 1930 zu drehen. Er hatte als einziger Italiener eine große Erfahrung im Gestalten von Tonfilmen, da er zwischen 1926 und 1935 auch bei den UFA-Studios in Berlin unter Vertrag stand und dadurch eine Art Experte auf diesem Gebiet war. Mein Bruder Luciano arbeitet auch seit vielen Jahrzehnten als Regisseur und Produzent und so wurde ich natürlich bereits als Kind täglich mit dem Thema Film und Kino konfrontiert.

Sie begannen also als Regieassistent bei Ihrem Großvater?

Richtig. Ganz am Anfang, als ich noch sehr jung war, schrieb ich eine Menge Drehbücher und knüpfte so die ersten Kontakte. 1969 drehte ich dann meinen ersten Film, eine Art Dokumentation namens MILLE PECCATI...NESSUNA VIRTU. Aufgrund des Erfolges von MONDO CANE war diese Art Film zu jener Zeit äußerst populär und auch für einen Regie-Neuling wie ich ja damals einer war, nicht allzu schwierig zu verwirklichen. Danach drehte ich einen Spaghetti-Western (ARIZONA SI SCATENO... E LI FECE FUORI TUTTI!) und viele Giallo-Streifen wie z. B. LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH. Ich begann mit meinen Giallo-Thrillern etwa zum gleichen Zeitpunkt wie Dario Argento mit seinen. Ich denke, ich gehöre zu der Sorte Regisseur, die in so gut wie jedem Genre schon einmal gearbeitet haben. Ich habe Thriller gedreht, Western, Komödien, einige Abenteuer-Filme mit Barbara Bach und Ursula Andress aber auch einige Science Fiction-Filme wie etwa 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK. Vor kurzer Zeit habe ich auch wieder einmal für das italienische Fernsehen gearbeitet. Ich führte Regie bei der Serie RALLY, für die Goblin übrigens die Musik schrieb. Dann habe ich auch wieder einen Abenteuer/Kriegsfilm namens CASABLANCA EXPRESS gedreht. Ein ziemlich bekannter deutscher Schauspieler namens Manfred Lehmann spielte in diesem Film.

Haben Sie eine Vorliebe für das phantastische oder das Thriller-Genre?

Ich glaube, es ist besser für mich, in verschiedenen Genres zu arbeiten. Es ist sehr schwer, immer und immer wieder die gleiche Art Film zu drehen. Momentan bin ich gerade dabei, das Drehbuch für eine Art Thriller-Komödie namens UN ORSO CHIAMATO ARTHURO zu schreiben. Es ist mein Versuch, die klassische COMEDIA ALL'ITALIANA mit all ihren nationalen Eigenheiten seinem internationalen Publikum zugänglich zu machen. Ich hoffe, Ende August 1991 mit den Dreharbeiten zu beginnen.

Wirft man einen genaueren Blick auf Ihren Western MANNAJA, so scheint Ihre Arbeit nicht selten von den italienischen Gothic-Horrorstreifen der 60er Jahre beeinflußt zu sein.

Ja, absolut. Ich denke übrigens, MANNAJA ist einer meiner besten Streifen. Unglücklicherweise drehte ich den Film gegen Ende der großen Spaghetti-Western-Periode, die so gegen 1974 langsam abklang. Der Film war kein großer Erfolg hier in Italien, aber ich glaube im Ausland hat er sich ganz gut geschlagen.

Gibt es irgendwelche Regisseure, die Sie in Ihrer Arbeit beeinflußt haben?

Mario Bava mit Sicherheit. Ich arbeitete mit ihm vor langer Zeit an LA FRUSTA E IL CORPO. Ich war nur sechster Regieassistent. Leider haben wir uns danach nie wieder gesehen. Es war eine meiner ersten Arbeiten im Filmgeschäft und ich war ziemlich aufgeregt und begeistert, mit Bava zu drehen der ja schon damals in Insiderkreisen den Ruf als eine Art Kult-Regisseur genoß. Ich denke, ich bin einer der wenigen italienischen Regisseure, welche die letzte große Periode des italienischen B-Films durchwandert haben. Momentan ist es unglaublich schwer, Filme zu drehen, speziell Streifen, die dann auch tatsächlich im Kino laufen sollen. Leider wird heutzutage mehr und mehr für das Fernsehen gearbeitet.

LA FRUSTA hatte ja damals einige Probleme mit der Zensur. Wissen Sie etwas darüber?

Natürlich. Damals war man nicht besonders gut auf erotische Szenen zu sprechen und so bekam Bava einige Probleme. Es gab damals noch keine richtige Zensurstelle in Italien und so ging die ganze Sache gleich vor Gericht. Bava mußte diverse Szenen kürzen. Der Film zeigt ja einige stark S & M-angehauchte Szenen, wenn Christopher Lee Daliah Lavi am Strand auspeitscht. Wenn ich mich recht erinnere, war diese Szene ungefähr sieben Minuten lang. Bava mußte einige der 'anstößigsten' Nahaufnahmen schneiden. Es fielen auch andere Szenen der Schere zum Opfer, aber ich weiß nicht mehr welche. All das ist ja schon mehr als 25 Jahre her. Ich hatte auch nichts mit dem Endschnitt des Films zu tun und erfuhr alles mehr oder weniger aus zweiter Hand. Wenn man so darüber nachdenkt, war das alles schon ziemlich lächerlich. Ich meine, sehen Sie sich diese Szenen einmal an. Heutzutage würde sich niemand darüber aufregen, aber damals empfand man das alles als unglaublich schockierend und skandalös. Bavas größter Vorteil und zugleich auch sein größtes Problem war die Tatsache, daß er den Moralvorstellungen seiner Zeit immer um Jahre voraus war.

Sie drehten einige Ihrer Filme unter dem Pseudonym 'Martin Dolman'.

Richtig, Pseudonyme haben sich im Laufe der Jahre zu einer richtigen Tradition hier in Italien entwickelt (lacht). Die Produzenten fordern immer amerikanisch klingende Namen. Sie denken wohl, die Verkaufschancen des Films seien damit größer und leider haben sie damit wohl auch recht. Ich glaube, ich habe sechs oder sieben Filme unter diesem Namen gedreht. Wenn ich mich recht erinnere, war 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK der erste. Dieser Film wäre übrigens momentan hier in Italien, vielleicht sogar in ganz Europa unrealisierbar. Das nötige Budget würde die Grenzen des Möglichen bei weitem übersteigen. Ich denke, das größte Problem europäischer Produktionen ist die Tatsache, daß niemand den Regisseuren die Chance gibt, mit weningstens 2 Millionen Dollar Budget zu drehen. Vergleicht man diese Summe mit dem Budget diverser amerikanischer B-Produktionen, so erscheint das wirklich nicht gerade viel. Wissen Sie, der letzte Film, den ich gesehen habe, war eine Spielberg-Produktion und ich bin mir sicher, bereits für den Vorspann wurde bedeutend mehr Geld verwendet, als ich normalerweise für zwei ganze Filme zur Verfügung habe (lacht).

Wie teuer oder billig sind Ihre Filme im Durchschnitt?

Normalerweise bewegt sich das Budget um die 500.000 Dollar. Das muß man natürlich in die Kategorie 'Ultra-low-Budget' einstufen. Man hat hier in Italien einfach nicht die Möglichkeit, Geld für teure Spezialeffekte, riesige pompöse Sets oder imposante Geschichten auszugeben. Das ist sehr schade, denn ich denke, viele italienische Regisseure haben bedeutend mehr Talent und technisches Können als ihre amerikanischen Kollegen.

Nehmen wir einmal an, Sie hätten ein größeres Budget, gibt es ein Traumprojekt, das Sie verwirklichen möchten?

Ich habe drei Ideen, die sich sehr gern auf die Leinwand bringen möchte. Ein Projekt heißt 'The Summer of Victoria Falls'. Es ist eine Art Action-Abenteuer-Film, der kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs spielt. Leider sieht es aber so aus, als wäre das nötige Budget viel zu hoch, um diesen Film in nächster Zeit zu realisieren.

Wie denken Sie über die Zukunft des italienischen B-Films, speziell des Horror-Genres?

Momentan sieht es unglaublich schlecht für jede Art von Produktion aus, denn es ist einfach unmöglich geworden, Geld für Filme aufzutreiben. Das Problem in Italien war und wird immer das selbe sein. Wenn ich jetzt einen Film wie z. B. 2019: DOPO LA CADUTA DI NEW YORK drehen würde, betrüge das Budget mindestens 700.000 Dollar. Ist der Streifen dann hoffentlich ein kleiner Erfolg an der Kinokasse, folgen ziemlich schnell eine ganze Reihe kleiner billiger Imitationen, die mit der Hälfte des Geldes realisiert wurden. Der Qualitätsstandard sinkt rapide ab und die Leute weigern sich irgendwann, dafür noch Geld auszugeben. Früher oder später wird diese Produktionspolitik den italienischen Film umbringen. Dazu kommt noch, daß wir hier in Europa vollkommen unterschiedlich mit dem Budget kalkulieren müssen, als als es die Amerikaner tun. Sagen wir mal, ich habe ein Budget von ungefähr 500.000 Dollar, so muß ich mindestens 300.000 Dollar 'hinter die Kamera' ausgeben. Ich muß die Crew bezahlen, die Schauspieler, die Studiomiete, nicht zu vergessen die Versicherung, die sehr sehr teuer geworden ist. Man sieht also im Endeffekt nur ein Minimum des tatsächlichen Budgets auf der Leinwand. Amerikaner geben ebenfalls 300.000 Dollar für Schauspieler und Technik aus, allerdings haben sie dann nocheinmal 10 Millionen, um sie in den tatsächlichen Film und das, was man dann später auf der Leinwand sieht, zu stecken. Das ist alles sehr traurig, denn die italienischen Filmleute sind verdammt gut in ihrem Job, nur haben sie sehr selten die Möglichkeit zu zeigen, was sie wirklich können.

Aber denken Sie nicht auch, daß die gesamte B-Industrie in den letzten Jahren einen falschen Weg eingeschlagen hat, wenn man sich die nicht enden wollende Zahl von US-Kassenhit-Rip-Offs vor Augen führt, die keinerlei italienische Identität mehr aufweisen?

Das stimmt natürlich, aber die Marktgesetze sind leider so. Man hat in Italien schon immer amerikanische Hits auf die eine oder andere Art & Weise kopiert, allerdings hat man das mit Stil und Intelligenz getan. Heute ist das anders. Noch vor sieben Jahren produzierte man in Italien um die 300 Kinofilme pro Jahr, darunter natürlich ein großer Haufen Müll, aber ebenso natürlich eine Anzahl wirklich fantastischer Streifen. Momentan stellen wir gerade mal 40 Filme pro Jahr her und natürlich ist auch das Fernsehen ein riesiges Problem. Der Kinomarkt ist tot, der Viodeomarkt ausgelastet. Übrig bleibt das Fernsehen, und so wollen sämtliche Produzenten hauptsächlich Filme, die man weltweit ans Fernsehen verkaufen kann, speziell ans amerikanische, denn die kaufen und senden wirklich alles. Also produziert man Filme, bei denen man sicher ist, sie als TV-Futter verheizen zu können.

Bleiben wir mal beim Fernsehen: ASSASSINO AL CIMITERO ETRUSCO war zuerst als TV-Film für RAI-Italia geplant.

Richtig. Während dieser Zeit drehte ich eine Menge TV-Streifen und auch eine siebenteilige Fantasy-Serie. Ich kann mich nicht mehr besonders gut an diese Periode meiner Arbeit erinnern und wenn ich ehrlich bin, möchte ich das auch nicht. Ich hasse den ganzen Mist, den ich fürs Fernsehen gedreht habe. Das waren alles extrem billige Produktionen und genauso sehen sie auch aus. Das fällt natürlich im Kino eher auf, als wenn man diese Filme auf dem kleinen Bildschirm sieht. ASSASSINO AL CIMITERO ETRUSCO hat man leider ins Kino gebracht, was ein großer Fehler war.

Gegen Ende der 70er Jahre waren brutale Zombie- und Kannibalenfilme äußerst populär in Italien. Während dieser Zeit drehten Sie solch unblutige Abenteuerfilme wie L'ISOLA DEGLI UOMINI PESCE oder IL FIUME DEL GRANDE CAIMANO. Hat das einen speziellen Grund?

Ich denke, diese Art Film ist sowohl zeitloser als auch viel romantischer und poetischer. Ich bin mir auch sicher, daß jeder, der hier im Filmgeschäft arbeitet, sich diese Zeit zurückwünscht und hofft, daß diese Filme wieder populär werden. Es hat einfach eine Menge Spaß gemacht, solche Filme zu drehen. Heute wäre ein Streifen wie L'ISOLA DEGLI UOMINI PESCE unmöglich. Bereits die Schauspielergagen wären viel zu teuer.

Ihre Giallo-Filme wie z. B. IL TUO VIZIO E UNA STANZA CHIUSA E SOLO IO NE HO LA CHIAVA sind aber selbst vom heutigen Standpunkt aus gesehen reichlich brutal, nicht zu sprechen von der Sex/Gewalt-Verbindung, die ja die Eigenheit des Giallo-Genres ausmacht.

Absolut, aber ich drehte diese Filme in einer vollkommen anderen Periode des italienischen Kinos. Ich glaube, Gewalt in Filmen ist nicht immer nötig. Vielleicht ist es auch nicht gut für Kinder, ich weiß es nicht. Ich habe immer versucht, die Gewalt in meinen Filmen etwas anders einzusetzen, als es andere Regisseure getan haben. Glauben Sie mir, gegen Ende der 70er Jahre habe ich da ganz andere Sachen im Kino gesehen (lacht). Ich denke, die besten italienischen Filme wurden vor 1975 gedreht, unsere Giallo- und Horrorfilme. Ein wenig wie Hitchcock, psychologisch aber ganauso atmosphärisch und voller Stil. Das sind die wirklichen italienischen Filme, die eine eigene Identität, einen eigenen kulturellen Hintergrund besitzen. Keine primitiven Rip-Offs.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Produzenten?

Nicht gerade das beste (lacht). Wenn ich die Möglichkeit hätte, meine Filme immer so zu drehen, wie ich es für das beste halte, bräuchte ich normalerweise immer zwei Wochen länger als es tatsächlich dauern darf. CASABLANCA EXPRESS zum Beispiel wurde in nur 6 Wochen in Marokko gedreht. Ich mag diesen Film eigentlich ganz gern. Er sieht bedeutend teurer aus als er tatsächlich war. Wenn ich nur zwei oder drei Wochen mehr Zeit und etwas mehr Geld zur Verfügung gehabt hätte, so wäre vielleicht ein wirklich hervorragender Streifen dabei herausgekommen.

Was waren Ihre erfolgreichsten Filme?

Ich denke, wahrscheinlich eine meiner zahlreichen Komödien mir Edwige Fenech, aber auch meine Thriller, die ich mit ihr gedreht habe, liefen sehr gut. Auf dem ausländischen Markt haben sich natürlich Streifen wie LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE oder L'ISOLA DEGLI UOMINI PESCE am besten verkauft. Mein I CORPI PRESENTANO TRACCE DI VIOLENZA CARNALE war allerdings auch ein großer internationaler Erfolg. In Amerika hat man ihn als TORSO vermarktet (lacht). Ich mag TORSO sehr und denke es ist ein recht gelungener Thriller.

Wie ist es, mit Edwige Fenech zu arbeiten?

Nun, ich glaube, sie ist eine sehr gute Schauspielerin. Wahrscheinlich ist sie vom Typ her am besten für erotische Komödien geeignet aber sie hat mir auch in meinen Giallos ganz gut gefallen und ich denke, den Leuten auch (lacht). Ich habe sie für den Film entdeckt, wußten Sie das?

Gibt es irgendeinen Ihrer Filme, den Sie nicht so sehr mögen?

Oh, ich hasse ASSASSINO AL CIMITERO ETRUSCO. Das ist wirklich ein schrecklicher Streifen. Ich mag auch LA VENDETTA DALL'FUTURO nicht besonders, aber verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Der Film an sich ist ganz o.k., aber während der Dreharbeiten verstarb mein enger Freund Claudio Cassinelli, mit dem ich viele Jahre zusammengearbeitet habe. Darum erinnere ich mich nicht so gerne an diesen Film. Es entstanden durch seinen Tod riesige Probleme auf dem Set. Wir mußten innerhalb weniger Tage das gesamte Script komplett umschreiben. Schrecklich!

Gerüchten zufolge ging es damals bei den Dreharbeiten vieler Western und Polizeifilme reichlich chaotisch zu. Drehbücher wurden immer erst am Morgen des ersten Drehtages abgeliefert und es wurde viel improvisiert. Ich halte nicht allzuviel von solch einer Arbeitsweise. Natürlich ändere ich hier und da das Drehbuch während der Aufnahmen, aber ein fertiges, gutes Drehbuch muß die Grundlage für meine Arbeit sein.

Als welche Sorte Regisseur würden Sie sich selbst bezeichnen? D'Amato zum Beispiel nennt sich selbst einen reinen Geschäftsmann, der seinen Idealismus bereits vor Jahren dem Kommerz geopfert hat, Argento hingegen bezeichnet sich als Künstler.

Ich bin eine Art Kombination aus beiden. Ich muß auch so sein, um auf dem Markt überhaupt überleben zu können. Meine Filme sind ein wenig wie ein Soft-Drink, sie sind unwichtige kleine Produkte für den Massenkonsum. Natürlich hat ein Soft-Drink nicht das Prestige von Champagner, aber immerhin ist ein guter Soft-Drink, der einen erfrischenden Kick versetzt, besser als gepanschter langweiliger Wein.

LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE erinnert speziell am Anfang weitaus mehr an einen Abenteuer-Film als an einen üblichen Kannibalen-Streifen.

Richtig. Ich denke, LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE ist ein wirklich netter Film, der während der ersten 45 Minuten genau dem entspricht, was ich drehen wollte. Ich mag das Ende nicht besonders, wenn diese Kannibalen mit dem Gedärmefressen beginnen. Bedauerlicherweise zwang mich der Produzent, diese Szenen zu drehen, da er der Meinung war, zu einem Kannibalenfilm gehören auf jeden Fall auch Blut und Gedärme. Wir drehten den Streifen in Sri Lanka. Es war unglaublich heiß. Ich kann mich noch immer sehr gut an all diese Moskitos und Skorpione erinnern. Mit letzteren hatte ich einige weniger schöne Erfahrungen (lacht).

Woher nehmen Sie die Ideen zu Ihren Filmen, LA VENDETTA DALL'FUTURO scheint zum Beispiel stark von TERMINATOR inspiriert zu sein.

So gut wie alle italienischen Actionfilme der letzten zehn Jahre haben irgendeine teure US-Produktion als Vorbild. Das kommt mit Sicherheit nicht daher, daß wir keine eigenen Ideen haben, darauf können Sie sich verlassen. Der Markt verlangt nach solch einem Produkt, und wir können es uns momentan einfach nicht leisten, auf einem Film sitzenzubleiben oder einen Flop zu riskieren. Noch vor 15 Jahren hatte man eine wirklich gute Chance, mit einer guten Filmidee und etwas Idealismus einen fähigen Produzenten zu finden. Heute ist das nicht mehr möglich und so produziert man letztendlich selbst. Wird dann der selbst produzierte Film mit sagen wir mal 600.000 Dollar Budget ein Flop, so kann man sich ziemlich sicher sein, für lange Zeit nicht mehr auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Traurig aber wahr.

Nun sind Sie aber einer der Regisseure, die zumindest versuchen, diese Plagiate durch einen eigenen Stil und originelle Ideen aufzuwerten, was ja letztendlich auch den Reiz des italienischen Trash-Kinos ausmacht.

Ich versuche es zumindest im Rahmen des Möglichen. Es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn jeder Regisseur, der diese Art von Filmen dreht, diesen Versuch unternehmen würde. Vielleicht würde sich der Markt dann langsam ändern und einige Leute da draußen würden merken, daß italienische Regis- seure in der Lage sind, ihre eigenen Filme zu drehen und ich denke, sie könnten das wirklich verdammt gut.

Interview: Peter Blumenstock unter Mitwirkung von Michael Nagenborg