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Ein Traum vom Sein - Das kurze Leben eines kanadischen Genies: Jean-Claude Lauzon (1953 - 1997) PDF Drucken E-Mail

LeoloJean-Claude Lauzon ist ein unerschöpfliches Nervenbündel. Er spricht schneller, als er denkt. Da er eine eher bewegte und ziemlich schwere Jugend hatte, bringt er eine reiche Erfahrung mit, die er in seinen Filmen verarbeitet. Darum gibt es auch für alles eine Erklärung; er nennt die Dinge beim Namen und schämt sich nicht, seine Hintergedanken zu verraten." (Sylvie Pagé, Filmemacherin und Kollegin Lauzons)

1. Traumzeit

"Weil ich träume, bin ich nicht." Es ist die Unvereinbarkeit von Traum und Leben, von Ideal und Wirklichkeit, die den zweiten großen Film - LEOLO (1991) - von Jean-Claude Lauzon dominiert. Der Junge Léo, der sich selbst die Identität des Sizilianers Leolo Lauzone gibt, leidet unter dieser fatalen Kluft, die ihn von seiner proletarischen Umwelt, seiner ärmlichen Familie trennt. Ein schwitzender, schwergewichtiger Mann müht sich durch ein stählernes, dröhnendes Fabrikambiente: "Von ihm sagen sie, er sei mein Vater. Doch das stimmt nicht, denn dieser Mann ist wahnsinnig." Es gleicht einem schicksalshaften Zug, daß ausgerechnet jenes autobiographische, radikal persönlich codierte Werk eines Regisseurs zu seinem letzten werden sollte. Im Herbst 1997 starb Lauzon bei einem Absturz seines Privatflugzeuges.

Leolo2. Flucht vor dem Wahn

Neben seinen drei Geschwistern war Jean-Claude Lauzon das einzige Kind einer armen Arbeiterfamilie, dem es gelang, dem harten Milieu zu entkommen. Geboren wurde er am 29. September 1953 in St. Dominique/ McGuire (Montréal). Sein Vater war nicht der im Grunde gutmütige Stahlarbeiter aus LEOLO, sondern ein ungebildeter Mann von gewalttätigem Temperament, dessen Frau - ein indianisches Halbblut - ihn bereits früh verlassen hatte. Beide seiner Schwestern fristeten ihr Dasein in einer Nervenklinik, ein Trauma, das LEOLO nachhaltig verdeutlicht. Aus dem Industrieviertel seiner Jugend jedoch wurde jener schäbig-barocke Hinterhof im Film, der Leolos Sehnsucht nach einem imaginierten Sizilien nahezu provoziert: Wäscheleinen verbinden die benachbarten Häuser, knarrende Dielen säumen die Balkongalerie und wehende Vorhänge geben den sehnsuchtsvollen Blick in die Kammer der begehrten Nachbarin für Momente frei...

"Lauzon ist phasenweise kreativ. Zwischen den Filmen fliegt er mit seinem Flugzeug, taucht in Meerestiefen ab oder rast mit seinem Motorrad durch die Gegend. Lauzon drückt seinen Lebensdrang in Bewegung aus. Während dieser Reisen beobachtet er, häuft Notizen und Aufzeichnungen an. Und dann, eines Tages, reift ein Thema heran, das nur noch darauf wartet zu erblühen." (Sylvie Pagé)

Leolo3. Der Weg in die Traumzeit

Das Pendeln zwischen launischem Bewegungsdrang und Lebenslust sowie Intellektualität und Schwermut bestimmt Lauzons kleines Oeuvre. Zu Beginn der siebziger Jahre traf er seinen geistigen Mentor in André Petrowski, einen Beamten des Office National du film. Dieser Mann nahm ihn mit ins Theater, gab ihm wichtige Romane zu lesen und führte ihn in die Montageräume des ONF ein, wo er mit Vertretern der kreativen Welt Montréals zusammenkam. Die mysteriöse Figur des weisen, alten Versebändigers in LEOLO (Pierre Bourgault) spiegelt Petrowskis Position in Lauzons Leben. Dieser alte Mann, der die Tagebuch- und Traumtexte des frühreifen Jungen sammelt und kompiliert, verwaltet ein labyrinthisches Archiv alter Dokumente, Bilder und Statuen, eine Welt des Vergangenen, das ein Stadium der Zeitlosigkeit erreicht hat. Die Traumzeit: "Weil ich träume, bin ich nicht." Leolo mag physisch gegen Ende des Films sterben, sein Geist aber geht auf in jene Welt der Träume und Ideen. Der Darsteller Bourgault ist selbst ein Philosoph aus Quebec.

"In vierzig Tagen schrieb er das Drehbuch zu NIGHT ZOO: ‘Ich hatte nur ein Ziel: Nach Montreal zurückzufliegen, jedoch mit dem fertigen Drehbuch, in dem keine einzige Korrektur mehr war.' Für ihn gibt es nichts Schwierigeres, als zu schreiben. Einen Film zu drehen, sei hingegen kinderleicht." (Sylvie Pagé)

Night Zoo4. Sprechen mit dem Vater

Vier Jahre vor LEOLO hatte sich Lauzon schon einmal mit der Vision vom Vater auseinandergesetzt: In dem Neo-Noir-Thriller NIGHT ZOO (1987) schilderte er die allmähliche Annäherung des Drogendealers Marcel (Gilles Maheu) an seinen Vater Albert (Roger Le Bal). Gleichzeitig nimmt er, der gerade aus der Hölle des Gefängnisses entlassen wurde, Kontakt zu seiner ehemaligen Geliebten auf, die nun als Prostituierte arbeitet. Zwei korrupte Polizisten verfolgen ihn, setzen ihn unter Druck, um an sein beiseite geschafftes Vermögen zu kommen. Soweit entfaltet sich eine klassische Genregeschichte: Der ambivalente Protagonist, wahrscheinlich eher schuldig, als zu Unrecht verurteilt, die gnadenlosen Verfolger - sadistische Karikaturen ihrer Selbst - und die Frau als gefallener Engel der Gosse. Viele dieser Menschen werden sterben, bis sich Marcel in seine selbstgewählte Einsamkeit des Noir-Helden zurückziehen kann. Sexualität ist einer der wenigen praktikablen Kommunikationsmechanismen in der kalten Welt dieses Neon-Montreal. Lauzon betont die Verbindung zwischen direkter Sexualität und Gewalt, wie sie gleich zu Beginn in der Gefängniszelle praktiziert wird, in der Marcel seinem monströsen Vergewaltiger fast wehrlos ausgeliefert ist. Eindrucksvoll ist auch die erste intensive Begegnung zwischen Marcel und seiner Ex-Freundin auf einem nächtlichen Hochhausdach gestaltet. Hier transportieren die Bilder Metaphern einer Verlorenheit, die der Film nicht immer einlösen kann. Im Film läßt Lauzon den Sohn mit seinem Vater sprechen, was ihm selbst nie möglich war. In einer Schlüsselszene dieser Beziehung wäscht Marcel den alten Mann. Für den Regisseur war die stille Poesie dieser Szene richtungsweisend für sein späteres Werk. NIGHT ZOO ist ebenfalls ein Film, der bewußt mit Publikumserwartungen bricht, seine Genrestruktur kontert, indem er gegen Ende das Tempo drosselt und der Vater-Sohn-Geschichte eine nachhaltige Wirkung verleiht; vom Thriller zum Drama. Die beiden Polizisten werden fast nebenbei - in einer kurzen Stilübung - erledigt. Eine derartige Wendung wäre für einen amerikanischen Genrefilme untypisch, würde als kontraproduktiv abgelehnt. Doch nur so kann es Lauzon gelingen, dem Film jene Poesie und mythologische Größe abzugewinnen. Zugleich ist es auch der Versuch, intensives Lokalkolorit zu kreieren, das ihn interessiert. Wie in den meisten films noirs ist es die Stadt, die die eigentliche Hauptrolle innehat. Ihre Skyline ist dem Titel unterlegt, begleitet von den elektronisch verfremdeten Geräuschen des nächtlichen Zoos, in den Marcel seinen Vater zu einer letzten Jagd mitnehmen wird. NIGHT ZOO ist rückblickend tatsächlich eher ein vorsichtiges Tasten in der Adaption eines sehr persönlichen, subjektiven Universums, das sich jederzeit in die Sicherheit seiner Genrestruktur zurückziehen kann. Doch bereits in seinem zweiten Film wird sich Lauzon dieser Grenzen radikal entledigen.

"LEOLO hat er angefangen zu schreiben, als er wegen NIGHT ZOO in Sizilien war. Die Geschichte geht auf Texte zurück, die aus einer Zeit stammen, als er noch jünger war. Trotz der Arbeit, die er in NIGHT ZOO investiert hat, hat Lauzon den Eindruck, LEOLO sei sein erster wahrer Film." (Sylvie Pagé)

Night Zoo5. Traum und Sein

LEOLO entwirft in streng stilisierten, sorgfältig komponierten Tableaux die Welt aus der Sicht des frühreifen Jungen, der ein alter ego des vierzigjährigen Regisseurs ist. Oft gemahnen die Grotesken und Surrealismen dieser Welt - die beleibte Schwester, die im Keller des Hauses Insekten sammelt, der sexbesessene Großvater, der seinen Enkel ermorden möchte, der körpergestählte, aber dennoch hochsensible Bruder - an das Werk von Jeunet und Caro (DELICATESSEN, 1990), doch statt sich in der eigenen Exzentrik und Comichaftigkeit zu erschöpfen, dringt LEOLO immer tiefer in die Seele seines Protagonisten vor. So idealisiert der geistige Vater des jungen Leolo, der Versebändiger, erscheint, so raumgreifend und physisch gestaltete Lauzon die Mutterfigur: Die korpulente Quebecer Sängerin Ginette Reno. Ähnlich den fettleibigen Frauenfiguren Lina Wertmüllers verkörpert sie einen sinnlichen, vitalen Aspekt des Geschehens, der dem Jungen immer wieder Zuflucht in eine umfassende Geborgenheit ermöglicht. Auch die Kontrolle des familiären Stuhlganges ist mit ihr assoziiert, ein Leitmotiv des Films. Einzig Leolo rebelliert gegen die Verdauungsdikatur per Abführmittel: Er sammelt die Exkremente in einer Schlüssel und spuckt die Pillen wieder aus. Lauzon arbeitet assoziativ, gleitet nahtlos zwischen Zeit- und Realitätsebenen: Während sein junger Protagonist kaum zu altern scheint, entwickelt sich der debile Bruder vom schmächtigen Pubertierenden zum scheinbar selbstbewußten Muskelmann. Leolos erwachende Sexualität wird in alptraumhafte Bilder gekleidet. Erst sind es die Steaks seines Bruders, die als künstliche Vagina herhalten müssen. Die Selbstbefriedigung Leolos gemahnt an seine eigene Zeugung durch eine spermagetränkte Tomate aus Sizilien, mit der sich der Junge seine fremde Abstammung erklärt. Schließlich sind es die obszönen Annäherungen seines Großvaters an eine junge Frau im Badezimmer, zu denen der Junge masturbiert. Der Neid auf den alten Mann, der ihn selbst töten wollte, mündet in eine brutale Haßphantasie: Mit Hilfe eines Ambosses will Leolo den Großvater im Bad erhängen. Die Sexualität in Lauzons Filmen ist nie eine Zuflucht, nie ein Trost. Tatsächlich bringt sie die Protagonisten ihrem Untergang näher, schafft eine Verbindung zum Tod: In einer späteren Szene beobachtet der Junge, wie seine pubertierenden Freunde eine gefesselte Katze sodomisieren. LEOLO ist ein verstörendes Wechselbad der Gefühle. Selten ist die Balance zwischen Tragik und Komik bestechender vorgeführt worden. Einen wesentlichen Anteil daran hat die Musik: Leolos Leitthema ist ein tibetanischer Mönchsgesang, apokalyptisch hallend, bedrückend, jenseitig, jedoch immer wieder gekontert durch kontrastierende, poppige Lieder bis hin zu den Rolling Stones: "You can't always get what You want".

6. Aus dem Fetischbuch

"Alles verschluckte mich. Wenn ich die Augen geschlossen habe, werde ich von meinem Bauch verschluckt. Ich ersticke dann in meinem Bauch. Wenn ich die Augen geöffnet habe, dann weil ich sehe, daß ich verschluckt werde, im Bauch von dem, was ich sehe, ersticke ich... Träume liefen vor mir her, als ich klein war. Von einer Umgebung erhascht, die mich von innen heraus auffraß, ließ ich sie davonfliegen, nachdem ich sie mit einem ununterworfenen Wünschen gestreift hatte", liest Leolo in seinem einzigen Buch: "L'avalé des avalées" von Réjean Ducharme. "Weil ich träumte, war ich nicht."

Danksagung: Ohne die aufschlußreichen Notizen von Syvie Pagé hätte dieser Artikel nicht zustande kommen können.

Marcus Stiglegger

erschienen in Splatting Image Nr. 34 - 06/98

 



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