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Harry S. Morgan PDF Drucken E-Mail
erschienen in Splatting Image Nr. 09 - 03/92

Harry S. MorganDeutschlands Porno-Szene ist berüchtigt. In Köln sitzen die SLAVE SEXer, die Frauen - manchmal auch Männer - aufs übelste vor laufender Kamera quälen, bis das Blut spritzt. In Stuttgart macht Claus Hohmann mit seiner SCHEIßENDE TEENIES-Serie Furore (Teil 3 ist vor kurzem auf den Markt abgelassen worden). In Hannover hockt Teresa Orlowski und baut ihre erste Bizarr-Serie auf; ExEhemann Hans Moser jr. alias Sascha Alexander schlägt in Begleitung neuer Titten, die am Körper Sarah Youngs bäumeln, auch voll in Richtung 'Extrem'. Schließlich kommen da noch winzige Labels wie 'Video World', der Berliner 'Racy Video' oder etwa 'Dino' mit den kleinen Abartigkeiten des alltäglichen Sexuallebens. Kurz, die Deutschen mögen 's anders. Einer, der diese Richtung schon ganz früh einschlug, ist Michael Schey. Als Harry S. Morgan ist er der profilierteste unter allen Mitstreitern. Für den Essener Anbieter 'Videorama' hat er das Peverse salonfähig gemacht. Seine MAXIMUM PERVERSUM- und TEENY EXZESSE-Serie trumpft mit einer Ansammlung exquisiter Sextechniken auf. Da wird gepißt, gefäustet, anal-geschachtet. Harry's eigene Vorlieben und Geschmacksgrenzen schreiben das Programm vor. Alles mit der nötigen Prise Humor und technischen Perfektion, die seine Filme weit über den ernsthaften, fast schon kriminell verbissenen Stumpfsinn heben. Nebenbei betätigt er sich auch noch als 'der rasende Reporter', besucht für seine HAPPY VIDEO PRIVAT-Reihe, die mittlerweile schon zur festen Institution auf dem Porno-Markt avancierte, den ganz 'normalen' Menschen, wie Du und ich, führt Interviews und läßt sich sexuelle Wohnzimmerarbeit vorführen. Dabei entdeckt man so mache Kuriosität unter Standard-Bettrangeleien.

Wie bist Du ins Business gekommen? Es wurde mal geschrieben, Du hättest bei der BILD-Zeitung angefangen.

Nein, ich habe nach dem Abitur bei der 'Neuen Ruhr-Zeitung' in Essen angefangen. Ich habe ganz normal zwei Jahre Voluntärs-Ausbildung bei Jens Feddersen gemacht, hab' in der Zeit die Journalisten-Fachschule in München besucht - das wurde damals noch vom Verlag bezahlt - und bin dann Redakteur für Lokales gewesen, wie man so anfängt, war ja erst vierundzwanzig. Dann habe ich drei Jahre bei der BILD-Zeitung gearbeitet. Das hing damit zusammen, daß die im gleichen Haus wohnten, und ich mal das Angebot kriegte, richtig knallhart Reporter im Ruhrgebiet zu machen, zu lernen, kurz zu schreiben, schnell zu recherchieren und so weiter. Da habe ich richtig gelernt, wie man die Witwe des verunglückten Bergmanns möglichst clever aus ihrem Seelenschlaf 'rausholt, sie interviewt und gleichzeitig noch photographiert, dann das Photo des Verstorbenen mit der Kerze da hinstellt und sagt: 'Sie trauert um ihren verstorbenen Mann'. War aber 'ne gute Schulung, weil man hat da gelernt, sehr hart zu werden und sehr auf den Punkt hinzuarbeiten. Danach habe ich selbständig für den 'Spiegel' gearbeitet genauso wie für den 'Stern' und für 'BILD am Sonntag'.

Wieso dann plötzlich in die Porno-Branche?

Die Porno-Branche kam viel später. Vorher habe ich eine große Agentur in Düsseldorf für Public Relations gehabt. Ich hab' PR für Kaufhäuser gemacht, hauptsächlich Mode, und habe bei einer 'Spiegel'-Reportage über Pornographie - 1972, als die Freigabe war - Porno-Leute kennengelernt. Die haben mich anschließend mal angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, so nebenbei ein bißl Geld zu verdienen. Na, nun habe ich für die nebenbei ein bißchen photographiert, ein paar Geschichten geschrieben und so. Ich hab' das aber, was weiß ich, dreimal im Jahr gemacht, relativ selten, und hatte dann irgendwann mit dieser PR-Agentur keine Lust mehr, weil mir das zu mühsam war, immer Pisse-Röcke zu photographieren und hinterher den Anschiß zu kriegen, weil die 34ste Falte nicht richtig getroffen war. Also, das war für mich kein Thema mehr, und ich wollte ja immer zum Film. Da habe ich den ganzen Schrott verkauft, bin nach München gegangen und habe als Kamera-Assistent wieder ganz unten angefangen, so Kabel geschleppt...

Bei welcher Produktionsfirma?

Bavaria...

...ganz normal ?!?...

Ganz normal. Bavaria hat alles gemacht. Ich war dann zum Schluß Kamera-Assistent bei WALLENSTEIN, einer großen ZDF-Produktion.

Gab es da eine Ausbildung zum Kamera-Assistenten?

Na, das war eigentlich ein Praktikum. Ich hatte ja bei einer Fachhochschule in Essen Bildjournalismus studiert, richtig seriös. Ich hatte also ein sehr weites Vorwissen über Bildgestaltung und solche Sachen. Es kam eigentlich nur noch die dritte Dimension des bewegten Bildes hinzu, und das habe ich gelernt, indem ich bei Kameraleuten, Vacano zum Beispiel ist ein ganz bekannter Mann, assistiert habe.

Jost Vacano ?

Ja, Jost Vacano...

Aha.

Ja, einer der...

...ja, ja klar...

...und solchen Leuten. Da ich ja sehr viel Vorwissen hatte, habe ich mich relativ 'leichtgetan'. Aber das Ziel war immer, ins Regie-Fach zu gehen, und da gab 's eben einfach Probleme, und wenn man den Hunger hat, auf diesem Gebiet zu arbeiten, dann nimmt man auch Angebote in Sachen Pornographie an. Ich bin durch diese Branche auch schnell in etwas leitende Funktionen geraten, in denen ich ein bißchen meinen eigenen Stil, meine eigenen Ideen und meinen eigenen Willen durchsetzen konnte. Hinzu kam dann, daß ich irgendwann mal sagte: "Porno an sich ist langweilig!" Es wird überall in der Welt produziert, Tausende von Minuten, und es ist immer das gleiche. Da besann ich mich des Journalisten in mir und dachte: Das interessanteste ist ja eigentlich, wenn am Samstag beim Nachbarn gegenüber abends um 18 Uhr die Rolläden 'runtergehen, und alle Leute die Sportschau gucken. Wieso geht bei denen der Rolladen 'runter? Also sagen sie alle: 'Jetzt möchten wir mal gerne wissen, was da passiert'. Also: die Neugierde. Nun habe ich gesagt: Wir müssen einfach mal 'was anderes machen, wir müssen hingehen mit der Kamera, bei Leuten an die Tür klopfen und fragen: "Hört mal, was macht ihr denn dann, wenn bei euch die Rolläden 'runtergehen? Bumst ihr dann oder was macht ihr?" Und aus dieser Grundidee, die Neugierde des Nachbarns auszunutzen, kam es zu dieser Interview-Kiste.

Wie ist das bei der HAPPY VIDEO PRIVAT-Serie: Werden die Paare vorher getestet?

Nein. Ich habe heute drei Pärchen gedreht in Berlin. Mit denen habe ich zwar vorher telefonisch gesprochen, aber eigentlich nur um abzuklären, ob sie kommen ... und die einen kamen aus Dresden. Das andere Paar kam aus Haale und ein Pärchen aus West-Berlin. Erst sitzt man zusammen und quatscht und so. Und dann läuft die Kamera, und da sagt man: "Gut, fangen wir mal an" - so wie Ihr das jetzt mit mir macht. Ein Pärchen hat sofort frei weg erzählt; das zweite Pärchen hat so gezittert. Da ist es halt schwierig: Man muß den Leuten so ein bißchen die Scheu vor der Kamera nehmen, und dann fragt man sie, und sie erzählen in einer sehr, sehr offenen Art. Zwei Pärchen waren elf Jahre verheiratet, und eines war seit vier Jahren verheiratet, aber lebte schon über acht Jahre zusammen. Also, die kannten sich schon sehr. Und dann fragt man so: "Wie klappt 's miteinander? Wie habt ihr die Geburt des Kindes überwunden? Gab 's da Probleme im Eheleben, weil das Kind immer schrie und so?" Dann erzählen sie, und wenn sie merken, daß man Fragen stellt, die sie ja persönlich doch intensiv beschäftigt haben zu der Zeit, dann merken sie auch, daß man sie nicht verarscht. Ja, ich verarsche die Leute nicht. Ich nehme die Leute so, wie sie sind, und ich interessiere mich wirklich für die.

Was gibt es denn für ein Paar, das sich vorstellt?

Zwischen sechshundert und achthundert Mark. Und zwar ist das 'ne ganz normale Kiste: Ich zahl' normalerweise für einen Darsteller achthundert am Tag, und die Paare, die hab' ich meistens zwei, zweieinhalb Stunden, das rechne ich als halben Tag und dann gebe ich einfach die Hälfte.

Wovon die Serie lebt, ist wohl der entlarvende Moment. Da gibt es ja diese wunderbare Szene, mit dem Paar, das schon sooo lange verheiratet war, und der Mann erzählt, wie das noch so gut klappt. Die wollen es unbedingt im kleinen Badezimmer treiben ...

Die Sache mit dem Hund ...

Äh, nein ...

Ich glaub, das war die ...

Nein, er will sie immer anal nehmen ...

... wo sie dann immer sagt: Du Arschloch, du! (lacht)

Ja, genau. Da sagen doch die Zuschauer: 'Guck mal, bei den klappt das ja auch nicht so.'

Na, es spielt natürlich auch die Schadenfreude 'ne große Rolle, die ist ein wichtiger Punkt. Aber sie ist meiner Meinung nach nur ein Vorwand, um einen innerlichen Lacheffekt zu erzeugen, weil man so aus der Peinlichkeit der Situation herauskommt. Die meisten Leute stellen nämlich fest, daß sie selbst genauso sind. Der Widererkennungswert ist unglaublich groß! Die Leute sind so wahnsinnig gleich geeicht in ihrer Sexualität. Es gibt ganz, ganz wenige wirkliche Individualisten. Unter Individualist verstehe ich Männer oder Frauen, die zum Beispiel knallhart zugeben, daß sie nicht oft potent sind, weil sie arbeiten, weil sie Streß haben, oder oder oder ... Sie reden immer über diese Potenz, immer über diesen Siegereffekt. Das hängt mit unserer Gesellschaft zusammen, weil, wenn du in einer Firma bist, und du bist der Schlaffschwanz und sagst "Ich kann heute nicht denken, weil ich müde bin", dann bist du ein Arschloch, dann bist du eigentlich auf der Kündigungsliste. Du wirst heute in der Schule getreten, im Kindergarten fängst an oder bei deiner Omi, dann machst du irgendein' Job und da mußt du immer Leistung bringen. Der strahlende Gewinner in einer Firma, der Jungmanager, ist auch der, der die strahlende Frau auf der Gartenparty neben sich hat. Diese strahlende Frau muß eine tolle, durchtrainierte Frau sein, und da muß das Sexualleben funktionieren, ja! Da werden die Abspritzer gezählt. Es ist ja alles nicht wahr: dieses Größendenken, das wir immer noch haben, dieses ewige Diskutieren über die Schwanzlänge, obwohl sie alle wissen, daß die Größe des Penis' für einen Orgasmus überhaupt nicht interessant ist. Ich sag' immer: Die sind wie diese Fischer, die immer da sitzen und sagen: "Mein Fisch war aber so" - immer diese Handbewegung.

Es gab ja auch mal so ein Video HARRY IN DER DDR ...

Das war im Mai vor zwei Jahren.

Ja, da kommt eine Szene vor, in der sich eine Frau mit ihrer 'West'-Freundin trifft und mit sieben Männern 'rummacht. War das nicht 'ne professionelle Darstellerin?

Wieso? War doch nicht professionell. Das war 'ne Studentin aus Merseburg, die war doch nicht professionell.

Dann war sie aber offen für alles.

Ja, die studierte Soziologie und wohnte in einem Studentenwohnheim...

Nein, nicht die Blonde, sondern ihre Freundin, die mit den kurzen, roten Haaren ...

Ach, die is' Friseuse. (Lautes Lachen) Die ist doch keine Porno-Darstellerin!

Nee?

Nein, die war übrigens gerade hier. Die ist verheiratet. Der Mann hat in Berlin 'ne Firma, die macht Innenausbau und so ein Kram. Sie ist Friseuse, ganz normal, und die führen halt ein Swinger-Leben. Die haben es ganz gerne, wenn Abwechslung da ist. Diese ganzen Pärchen sind keine Profis. Das sind ganz normale Leute.

Also, manchmal sind schon Profis darunter ...

Bäääh, es ist manchmal so, daß ich natürlich unter Umständen, wenn ich Leute kennenlerne, die gut sind, frage: "Habt ihr nicht mal Lust, im Pornofilm mitzumachen?" Also, die werden dann unter Umständen hinterher mal zu einem Profi, wobei es das Wort 'Profi' in Deutschland gar nicht gibt. Wir haben kaum professionelle Darsteller, das heißt Leute, die ausschließlich davon leben. Der Markt ist ja so: Das neue Gesicht ist gefragt. Normalerweise hat man in jedem Film neue Leute. Man kann von diesem Job auch nicht leben. Es gibt ein paar Männer, die machen vielleicht im Jahr sechs Filme oder so - also, ein bißl mehr.

Nun zur Konkurrenz: Ralph Flash, das ist natürlich nur ein Pseudonym ...

Wer ist das?

Ralph Flash ...

... kenne ich gar nicht.

Er ist Darsteller und macht nebenbei für Sascha Alexander-Pictures diese Vulgaire-Serie. Kein Begriff?

Nee (lacht).

Claus Hohmann?

Ja, den Hohmann kenn' ich. Der ist schon lange im Geschäft. Aber das ist 'ne relativ kleine Produktion. Ich meine, ich hab' das Problem ... Ich hab' den ersten Piss-Film in Deutschland produziert. Dann fingen sie alle an, und es wurde pausenlos gepißt. Da habe ich mir gesagt: Wenn die ihr Pissen drehen, dann drehe ich es nicht mehr. Jetzt höre ich auf. Ich drehe kein Pissen mehr, interessiert mich nicht. Ich hab' den ersten Faust-Fick in Deutschland gemacht. Jetzt haben sie alle Faust-Fick gemacht. Da laß' ich es auch sein. Jetzt kommt gerade bei mir 'ne neue Serie, für die ich ganz normale Pornos drehe - mit Geschichte, mit Entwicklung, mit Zärtlichkeit, mit Bums-Szenen, die nur zwei Minuten lang sind, nicht da 'ne halbe Stunde Blasen; interessiert keinen Menschen mehr. Du kannst den Leuten nicht länger als zweieinhalb bis drei Minuten 'ne Bums-Szene vorsetzen, denn, wenn die weiterläuft, und sie haben den Höhepunkt nicht mit dem optischen Höhepunkt erreicht, sind sie frustriert.

Ja ...

Man muß heute witzig und kurz drehen, muß Stories wieder 'reinbauen. Vor allen Dingen auch deswegen, weil wir ein neues Potential an Zuschauern haben, und zwar die Frauen. Das ist eine Gruppe, die sehr extrem guckt, die auch sehr viel extremere Pornographie akzeptiert, aber die diese Pornographie mundgerecht in Stückchen serviert bekommen will. Die Frauen wollen also langsam hingeführt werden und dann kann der Höhepunkt viel extremer und härter sein, als die Männer es je akzeptieren. Es ist eine interessante Sache, daß Frauen zum Beispiel öfter sagen "Ich find' das geil, daß die Frau den Mann angepinkelt hat", was bei Männern undenkbar wäre. Die schrecken alle davor zurück. Nicht alle, es gibt Ausnahmen. Ich sag', es gibt vielleicht fünftausend Masochisten in Deutschland, fünfzigtausend, die gedanklich ein bißchen damit spielen; aber das ist eine ja ganz kleine Minderheit. Der 'Normale' will davon gar nichts wissen. Frauen sind interessant. Nur, da muß man halt anders drehen, muß eben Stories drum machen, auch wieder Love-Stories. Ich bin jetzt soweit, daß ich anfange, Filme zu drehen, wo ich den Porno-Anteil bis auf sieben, acht Prozent von der Gesamtlänge des Films reduziere, aber dafür sehr viel mehr Körperlichkeiten 'reinbringe. Ich zeige zum Beispiel eine Frau, die morgens aufsteht, nackt im Bad steht und sich schminkt. Da kommt 'ne schöne Musik drauf, werden schöne Bilder dazu gedreht, und ich sehe plötzlich, daß die Leute auf sowas mit Lust und Liebe onanieren. Die wollen gar nicht den Schwanz sehen. Das ist gar nicht mehr notwendig.

Es wird wohl ein Kreislauf werden: Jetzt sind die Leute übersättigt, schreien nach Erotik, bekommen sie, und dann wollen sie wieder härtere Sachen.

Wir haben ja immer diese Situation. Es ist seit Tausenden von Jahren so, daß es in der Kultur der Gesellschaft immer auf- und abgeht. Die Sexualität ist immer da, aber die Sexualität geht in Wellen immer rauf und runter. Natürlich spielt jetzt die AIDS-Situation 'ne große Rolle, das heißt man kann sich nicht mehr so ausleben wie vor zehn Jahren. Ich bedauere immer die jungen Leute. Ich hab' ja 'ne tolle Jugend hinter mir, wir haben gevögelt, wo wir wollten. Das einzige Problem war das Kinderkriegen, und dann gab 's die Pille. Was haben wir da 'rumgehurt! Wir haben Orgien gefeiert. Wir haben alles mögliche gemacht. Das kann man heute alles nicht mehr machen.

Sollte sich diese Safer-Sex-Mentalität nicht auch in den Filmen niederschlagen oder wollen die Leute lieber sehen, was sie eigentlich nicht tun dürften? Ficken ohne Gummi oder sowas.

Ich fick' ja mit Gummi.

Nein, wir meinen in den Filmen.

Ich habe als erster in Deutschland den Kondom-Film gedreht. Ich hatte schwarze, blaue, grüne, gelbe und hab' 'ne schöne Geschichte daraus gemacht. Wir fangen im nächsten Jahr an, jeden Pornofilm mit Kondom-Werbung zu unterbrechen. Das ist doch kein Problem. Das ist sogar wichtig: Die Leute sollen sehen, daß es auch anders geht. Es tut ja der Erotik keinen Abbruch. Was ist der Kondom? Der Kondom ist im Pornofilm ein optisches Element, das vielleicht den Schwanz noch witziger machen kann.

Der Erfolg des Pornos liegt doch gerade darin, das zu zeigen, was man sonst nicht geboten kriegt.

Der Porno zeigt Träume, und ich versuche immer, in die Träume der Leute 'reinzukriechen, um 'rauszukriegen, was sie gerne sehen möchten. Ich hab' immer so Standard-Szenen. Zum Beispiel die Szene: Nachts nach Hause kommen, im Hausflur einen Fick 'nen Quickie - auf der Mülltonne. Ich weiß von vielen Frauen, daß sie das gerne mal machen möchten. Aber da spielt der Schwanz im Grunde genommen gar keine Rolle, und ob der Schwanz nun einen Gummi drüber oder nicht hat, erst recht nicht, sondern die Szene an sich ist entscheidend, die Spontaneität, die Situation. Das ist doch das Geile.

Gibt es für Dich irgendwo Grenzen, wenn Du filmst ...

Ja, gesetzliche Grenzen ...

Also, die eigenen Grenzen sind gleichzusetzen mit den gesetzlichen?

Ja, also ich drehe keine Scheißfilme.

Ja, darauf wollten wir hinaus: Wieweit es vom Pissen bis ...

... also, den Geruch tue ich mir nicht an ...

... zum Scheißen ist.

Nee, den Geruch tue ich mir nicht an. Denken wir mal folgendermaßen: Ich könnte jetzt verbotene S&M-Filme produzieren. Nun haben ich 'ne Gruppe von vielleicht sechshundert Leuten, die die Kassetten kaufen. Was habe ich davon? Uninteressant! Soll ich mich deswegen in' Knast begeben? Da produziere ich doch lieber Filme, von denen ich weiß, die gucken sich zweitausend Leute an ... oder zwanzigtausend oder wie auch immer. Das ist mir doch viel wichtiger und lieber, als mich in irgendeine Situation hineinzubegeben, die ich persönlich auch nie machen würde. Ich hab' zwar ein sehr interessantes Sexualleben, aber ich hab' ein durchaus normales.

Von diesen SLAVE SEX- oder PAIN-Filmen hälst Du also nichts?

Ach was, habe ich überhaupt kein Feeling 'für. Also, ich könnte niemals in' Puff gehen, mich in eine Gummihaut klemmen und sagen: 'Madame, darf ich ihre Füße küssen?' Wobei ich vom Styling her gerne Gummi einsetze. Ein schönes elegantes Gummikleid find ich von der Optik her toll. Oder auch Leder ... gutes Styling ... find ich alles schön, aber das hat mit der Sexualität, die ich dann drehe, nichts zu tun. Bei mir sind die Frauen immer gestylt. Ich lasse jeden Pickel wegschminken. Ich zeige sicherlich Körper, die einen Tick zu gut sind, aber der Zuschauer will es ja so sehen. Außerdem bin ich da auch zu sehr Ästhet. Ich nehme keine Pickel-Männer. Ich habe Männer, die wirklich klasse aussehen, richtig gut, weil ich es auch den Mädchen nicht zumuten kann, daß sie sich mit Schmiersäcken abgeben. Das ist ja zum Beispiel Hohmann. Guckt Euch mal die Filme an! Was hat der für Leute? Oder Dino oder wie sie alle heißen. Die einzige, die wirklich sauber und vielleicht einen Tick zu unerotisch dadurch wurde, war Teresa, die ja auch von den Darstellern her immer Top-Leute hatte. Aber sie hat 's übertrieben. Sie wurde aufgrund ihrer größeren Kameratechnik so unbeweglich, daß die Spannung aus der Szenen 'rausging. Ich hab' immer gesagt, wenn der Kameramann bei einem tollen Fick mit der Kamera wackelt, dann wird der Zuschauer vielleicht denken, selbst der sei dabei geil.

Wie führt man eigentlich beim Pornofilm Regie?

Erstmal habe ich ein Buch.

Mit Dialogen oder wird das improvisiert?

Ja, ich schreib' zumindest sinngemäß die Dialoge. Das Buch ist auch wichtig wegen der Organisation. Mein Produktionsleiter muß wissen, was der Film kostet. Dann ist es auch gut, daß wir beim Drehen diese exakte Vorlage haben, ich überhaupt 'durchsteige', nicht das Konzept während des Drehens verliere und dann, wenn mal 'was nicht klappt, mir viel eher 'was Neues ausdenken kann, weil ich das Gerüst des Film auf Papier vor mir zu liegen habe.

Wann klappt denn 'was nicht? Wenn der Darsteller nicht so will, wie er sollte?

Nein, es klappt manches nicht, ganz einfach, wenn ein Darsteller zum Beispiel nicht kommt. (Beiderseitiges Lachen) Das Buch ist auch wichtig, weil die Darsteller es vorher lesen, und wenn die zu mir kommen und sagen "Also, Michael, ich weiß nicht ... mit dem und so, das find' ich vielleicht nicht so gut. Können wir das nicht umdrehen?", dann tausche ich auch Darsteller. Weil, sobald mir einer sagt "Ich kann nicht auf die!" oder "Ich kann nicht auf ihn!", dann bring' ich die nicht zusammen, das bringt ja nichts, wird ja nur Mist; die wehren sich innerlich. Da kann man vorher drüber reden und das abklären. Dann habe ich auch so 'ne Sache: Ich lasse keinen Darsteller warten, denn wenn einer um 14 Uhr dran ist, dann soll der um 13 Uhr kommen und um 18 Uhr weg sein. Es gibt ja viele Produktionen, von denen haben die Darsteller gesagt: "Da habe ich sieben Stunden gewartet, dann war ich dran und konnte nicht mehr." Insofern ist das Drehbuch sehr wichtig, weil es bei der Organisation ernorm hilft und die Leute wirklich konzentriert an den Set kommen.

Das Regieführen ist also nicht viel anders als bei einem 'normalen' Film.

Es ist genauso. Ich mach' ja auch 'normale' Filme. Ich verwende beim 'normalen' Film die gleiche Arbeitsweise - nur, daß ich beim 'normalen' Film ein viel größeres Team habe. Ich hatte bei der letzten Produktion zwölf Mann als Team, beim Porno habe ich sechs Mann, also die Hälfte.

Was drehst Du so außerhalb des Genres?

Vor vier Monaten habe ich den POMMES ROT-WEIß fertiggestellt.

Das war doch die Videoproduktion mit der Danuta.

Ja, leider. Wir hätten es auf 'Kino' machen sollen, wär' besser gewesen. Aber es ist schwer, heute zu produzieren. In Deutschland hat man 's enorm schwer. Weil die Deutschen so ein Volk sind, das sagt, wenn der Wim Wenders in Amerika dreht, dann nach Deutschland kommt, das plötzlich ein toller Film ist. Hätte er den Film in Halle an der Saale gedreht, dann wär 's ein Scheißfilm gewesen. Das ist einfach so: Wir sind fürchterlich hörig auf alles, was aus USA kommt. Das ist zum Beispiel in Frankreich ganz anders. Du kannst in Frankreich als junger Regisseur einen Film machen, der kann beschissen sein, aber die Franzosen gehen erstmal ins Kino, um sich den Film anzusehen und hinterher sagen zu können: "Nein, der hat uns nicht gefallen. Der war schlecht!" Aber sie gehen wenigstens ins Kino! Du kriegst doch in Deutschland keinen mehr ins Kino, wenn du sagst: "Der Regisseur heißt Michael Schey." Vor allen Dingen, weil der Kinomarkt eigentlich nur noch von den 16-jährigen bestimmt wird. Das sind die Kinogänger, und die anderen sind die Fernsehgucker, und im Fernsehen hast du überhaupt keine Chance, wenn du nicht irgendwelche privaten Deals mit irgendwelchen Redakteuren hast; die geben dir nicht mal die Chance, 'was zu machen. Ich hab' ja viele Jahre immer wieder für den WDR gedreht, Landesspiele und sowas. Dafür war ich gerade gut genug, aber wenn man sagt "Ich hab' mal 'ne schöne Idee für 'ne Talkshow oder für dies oder jenes", dann haben die gleich abgewunken. Dann kam RTL, und da habe ich für RTL ziemlich viel am Anfang gemacht. Das schlief dann wieder ein, aber jetzt sind wir wieder im Gespräch über neue Kisten.

Was hast Du für RTL gemacht?

Ich habe für RTL anfangs an der Kinosendung mit der Isolde Tarach gearbeitet. Ich habe auch die Schule des Kartenlegens gemacht. Eine sehr erfolgreiche Serie; jeden Tag sechs Minuten, mit so 'ner Frau, die erklärt hat, wie man Tarot-Karten legt ... mit Anrufern und so. Da gab 's dann das kleine Büchlein dazu, in dem man den Kurs zu Hause nochmal nachlesen konnte. Davon sind über zehntausend Heftchen verkauft worden. Für 'ne Fernsehsendung fand ich den Zuspruch schon sehr gut. Dann zogen die nach Köln und da wurde das alles, sagen wir mal, ARD-mässiger, und es war auch irgendwie vorbei.

Du machst das alles nur deshalb, weil die Lage hier in Deutschland für einen Filmemacher so verzwickt ist?

Ja, ich würde natürlich auch gerne zwei Filme im Jahr machen und dann im Kino sitzen, 'ne Premiere haben. Liebend gern - selbst, wenn es Erotik wäre. Ich bin soweit, daß ich sage: "Schuster, bleib' bei deinen Leisten: Drehe Erotik!" Da habe ich wirklich Ahnung von, und ich hab' mehr Ahnung von als viele andere, weil ich durch diese Pärchen-Interviews soviel intimes Hintergrundwissen über den Normalverbraucher habe. Also werde ich mich darauf in Zukunft sehr stark konzentrieren. Aber die Pornosache ... weiß ich nicht. Ich finde Porno okay, aber ich muß nicht unbedingt mein ganzes Leben Porno machen. Es ist auch schlimm, wenn man als alternder Pornofilmer, mit 60, immer noch jungen Weibern erzählt (lacht)

... Lasse Braun.

Ja: Das ist ja auch so 'n Trauerspiel. Der bringt ja auch nichts mehr.

Man dachte: Er kommt wieder, aber das tat er dann letztendlich doch nicht. Er hat zwar mit Carol Lynn ein paar Filme ...

In einem der Filme hatte er nochmal so ein Aufblitzen. Also, einen Film fand ich teilweise ganz toll. Aber er hat unheimlich viele Sachen aus SENSATIONS oder BODY LUST einfach nochmal gedreht. Da war er clever, hat er sich wahrscheinlich die alten Filme angesehen und gesagt: 'Machen wir nochmal (lacht), fällt doch gar nicht auf!' Wobei ich ehrlich sein muß: Ich gehe machmal auch in Filmarchive und drehe dann Stories nach. Einen Film aus den 70er Jahren kannst du heute vom Inhaltlichen her nochmal drehen, aber der Film wird völlig anders, weil sich die Zeitschraube nicht zurückdrehen läßt. Das ist ja das Problem, das das Fernsehen hat. Da zeigen sie diese alten SCHULMÄDCHEN-Filme. Für mich ist das eigentlich ein Trauerspiel, und das Komische ist, die Leute gucken sich das alle an.

Die Filme besitzen ja auch einen gewissen Charme ...

Ich kann nur sagen: diese letzten Russ Meyer-Filme - gigantisch! Gigantisch, was dieser Mann vor 20, 25 Jahren gedreht hat. Und die zeigen voll den steifen Penis mit zwei Zentimeter Abstand von der Optik. Es ist unglaublich! Mit einer Frechheit hat dieser Mann gedreht! Ich bewundere ihn. Er hat jetzt auch einen anderen Ruf, den zeigen sie ja mittlerweile in Kunstkinos.

Soetwas erschafft natürlich auch die zeitliche Distanz ...

Das waren aber auch Zeiten, in denen der Porno noch kein Konsum war. Wir produzieren ja heute Porno, wie Aldi Kaffee macht. Das ist ja das Problem.

Künstlerische Ambitionen kann man also nicht mehr miteinbringen?

Das ist 'ne Frage des Geldes. Mein größter Wunsch wäre, daß Porno wieder verboten wäre. Dann würde die ganze Scheiße erstmal vom Markt wegkommen und man könnte im Underground wieder richtig gute Pornos machen. Wenn das dann wieder erlaubt wäre, würde ein ganz kleiner Haufen von Fachleuten übrigbleiben. Die würden wieder einen 'fachlichen' Porno drehen. Der Tod des Pornos war die Erfindung der VHS-Kamera. Heute kauft sich doch jedes Arschloch für 6000 Mark 'ne SVHS-Kamera und sagt: 'Ich bin jetzt Pornofilmer.' Ich kenn' ja solche Leute, die kaufen sich dann drei Baustofflampen vom Baumarkt und sagen: "Da war dat Licht imma so hell und da hab' ich mir 'n Dimma gekauft. Und imma, wenn dat zu hell is', dreh' ich 'n Dimma 'runter." Die lassen dann irgendwelche Leute auf 'ner Matte bumsen und das ist Porno! Ich meine, der Andy Warhol hat in den 60er Jahren auch Pornos gemacht, die ähnlich gedreht waren, nur das war eine andere Zeit.

Was hälst Du von Gerard Damiano? DEEP THROAT, DEVIL IN MISS JONES, WATERPOWER ...

Ich fand die Filme zu brutal. Ich glaube, das war der Anfang der Ausbeutung der Frau. Ich halte den Film DEEP THROAT für kriminell. Er ist auch unter kriminellen Umständen gedreht worden: Die Frau ist ja echt gezwungen worden. Ich halte da gar nichts von. Ich zwinge keine Leute. Ich finde es unmöglich, daß man Menschen in ihrem Intimleben vergewaltigt. Es hat zwar oft den Anschein, daß man das als Pornofilmer tun würde, aber das stimmt nicht. Ich vergewaltige keine Frauen.

Bei Dir sind die Frauen dem Mann auch meist überlegen.

Ich liebe Frauen, die dominieren! Ich liebe es! Weil es auch der Traum des Mannes ist. Der arbeitende Manager, der abends schlaff nach Hause kommt, träumt von der Frau, die die Initiative ergreift, weil er sich endlich mal hinlegen und sagen kann: 'Ach schön, jetzt machst Du es mal!' Also, ich liebe Frauen, die dominieren. Ich degradiere natürlich dadurch Männer zu reinen Schwanzträgern. Ich habe übrigens manchmal auch 'ne schlechte Meinung über Männer. Ich sage immer wieder: Ein Mann, der 'was im Kopf hat und sensibel ist, einer mit dem ich persönlich auch verkehren würde, wäre niemals Pornodarsteller; weil die Männer ihre Gedanken in ihrer Schwanzspitze haben; da haben die ihr Hirn drin, deswegen behandle ich sie auch so. Es gibt Ausnahmen, aber wenige.

Wenn man Deine Filme gesehen hat, kommt es einem so vor, daß Du es besonders geil findest, wenn die Frau, während sie dem Mann einen bläst, ihm hinten ihren Finger 'reinschiebt. Was fasziniert Dich so daran?

Das ist einfach die Erkenntnis daraus, daß viele Männer mir erzählt haben, daß sie das gerne haben. Das habe ich aufgrund von Gesprächen mal so mitgekriegt. Da habe ich gedacht: Warum soll ich das nicht mal drehen? Ich sag' ja, ich drehe Träume. Ich drehe Situationen, die sich die Leute irgendwie innerlich mal wünschen. Und ich schwöre 's Euch: Ist doch 'ne geile Kiste, sie bläst ihn und schiebt dir 'n Finger in' Arsch. Und dann sagst sie: 'Na?!?' Dann spürst du das und da merkst du, wie dir die Eier platzen. Das mußt Du mal ausprobieren, das ist schon fein! Das macht schon Spaß!

Hast Du irgendwelche Vorbilder, auch außerhalb des Pornogenres?

Also, ich bin ein Liebhaber der Franzosen. Die Franzosen sind für mich Filmemacher, die sehr, sehr menschliche Filme drehen, die sehr interessante Filme drehen und die den Mut haben, außerhalb des Marketings zu drehen. Die Amerikaner drehen Filme nur aufgrund des Geldes. Die Franzosen drehen sehr feinfühlige Filme. Auch die Kamerasprache ist in Frankreich sehr, sehr schön.

Irgendein konkretes Vorbild?

Ja, Godard ist ein großer Meister.

Zulawski ?!?

Großer Mann. Wie der immer das Geld gekriegt hat?! Ich weiß nicht, in Deutschland wäre 's unmöglich ... Ich habe gerade ein Abenteuer mit der Filmförderung Nordrhein-Westfalen hinter mir, da habe ich das dann abgebrochen; ich bin verzweifelt, weil, wenn das jetzt alles so laufen würde, wie es anfing zu laufen, würde ich die Filmförderung 1997 erwerben. Nur, jetzt ist das Problem: Das sind noch fünf Jahre; wie halte ich meine Idee fünf Jahre im Kopf? Es ist unmöglich! Es gibt Berge von Formularen, die man ausfüllen muß, und dann wird das von einem Finanzspezialisten der Landeszentralbank entschieden. Was hat dieser Mann überhaupt mit Filmförderung zu tun? Wenn du nicht irgendwelchen Leuten in den Arsch kriechst und dann auch noch Pornofilme machst, hast du sowieso keine Chance. Die gucken sich alle meine Filme an und sagen: "Boah, sind das geile Pornofilme!" Und wenn ich komme und sage "Ich möchte mal 'nen Spielfilm machen", dann sagen die: "Das kann der doch gar nicht." Ich kann 's auch ... Ich bin doof, ne? ... Ich kann es nicht, bin einfach zu blöde, bin doch nur Pornowichser. Da verzweifelt man natürlich.

Hast Du Träume, die Du gerne verwirklichen möchtest?

Der Traum für mich, und den werde ich verwirklichen, weil er jetzt greifbar wird, ist, einen sehr modernen Erotikfilm für 's Kino zu machen. Ich bin da sehr gut dabei, der wird aber in Frankreich produziert. Die Finanzierung steht, es stehen auch die Schauspieler schon fest und da wird sehr viel Erotik drin sein, aber auch eine sehr interessante, sehr moderne Geschichte. Das ist mein Ziel. Ich träume nicht. Ich lebe in realisierbaren Träumen.

Worum geht 's in dem Film?

Es ist eine Geschichte über zwei Menschen, einen 40-jährigen und einer 20-jährigen, die aufgrund einer Zeitungsanzeige die Obhut für eine Wohnung übernehmen wollen. Beide haben aufgrund dieser Zeitungsanzeige einen Brief gekriegt, in dem liegen Geld, der Schlüssel und Anweisungen drin. Zuerst geht der 40-jährige in die Wohnung. Plötzlich geht abends das Schloß auf, das junge Mädchen steht da und er fragt: "Was machen sie hier?" Und sie sagt: "Wieso? Ich soll auf die Wohnung aufpassen." Jetzt kommt es innerhalb dieser Situation, weil es auch schon spät abends ist, dazu, daß er sagt: "Ja, gut. Dann müssen sie jetzt hier wohnen. Zumindest vorübergehend." Und die etablieren sich dann in der Wohnung. In der Anweisung steht, daß sie alles machen dürfen mit der Wohnung, nur eine Tür dürfen sie nicht öffnen. Aufgrund dieser Unsicherheit, die plötzlich entsteht, entwickelt sich eine Angstsituation, weil beide Angst vor der Tür kriegen - sie wissen ja nicht, was hinter der ist. Dadurch entsteht ein Liebesverhältnis, denn beide rücken zueinander. Daraus entwickelt sich eine Geschichte, die mit einem Mord endet.

Schon irgendwelche Namen?

Ja, aber ich sag' sie noch nicht. Auf jeden Fall habe ich mit dem Drehbuchschreiber eine Szene ausgearbeitet, in der ist ein Dialog zwischen den beiden, der 12 Minuten lang ist. Den wollen wir in einer Einstellung drehen. Da wird die Kamera innerhalb von zwölf Minuten sich einmal um das Pärchen gedreht haben. Ich stell' mir das sehr, sehr spannend vor. Das ist eigentlich so ein bißchen die ganz klassische UFA-Zeit. Die UFA-Produktionen der 30er Jahre hatten noch nicht diese Riesenmöglichkeiten. Und da sah man zwei Leute, Kamera feste Einstellung, sehr sauberes Licht gemacht, und die liefen innerhalb dieses Bildes, war wie 'ne Theaterinszenierung, aber du sahst plötzlich, daß die Gänge so ausgetimed waren, daß sie genau auf den Dialog passten.

Erinnert auch ein bißchen an Hitchcocks ROPE (Cocktail für eine Leiche) ...

Ja, wozu immer dieses hektische Hinund Herschneiden? Wozu die Technik in den Vordergrund heben? Das machen ja soviele Regisseure. Autos explodieren, die Kamera fliegt und Technik, Technik, Technik! Nein, mal ganz einfach wieder drehen, die Kamera ist der Beobachter, saubere Bildeinstellungen machen. Es ist schwer, Kameraleute zu finden, die das noch können, die wirklich ganz klassisch sauber drehen; die auch den Schnitt im Dialog so einsetzen, daß es sinnvoll ist; die vorher darüber nachdenken, wann ich schneide und wann ich die Reaktion zeige. Wir sind heute so beeinflußt von dieser Fernsehschnittarbeit. Fernsehdiskussion: Sitzt einer, drückt immer Kamera 1 - furz! - Kamera 3, wieder Kamera 1, wieder Kamera 3. Es ist horror. Es ist völlig unüberlegt, was da passiert. Deswegen sind die Bilder auch so langweilig. Ich meine, da hat die Kinokamera sehr viele Vorteile. Allein das Bildformat spielt ja 'ne große Rolle. Das Fernsehformat schneidet mir immer irgendwas weg. Das Filmformat ist schon ideal und wir drehen, das ist klar, auf 35mm.

Scope?

Nein, nein. 35mm.

So 1 zu 1,85 oder so?

Nein, ganz klassisch 35mm ... Das kannst du doch nicht bezahlen. Ich bezahle ja jetzt schon fünf Mark pro Meter. Muß du mal überlegen, wenn du sieben Einstellungen hintereinander drehst, was du da an Geld verpulverst. Gerade die Technik, alles bewußt in einer Einstellung abzudrehen, ist sehr aufwendig. Wir werden sicherlich, wie bei einer klassischen Theaterinszenierung vier, fünf Tage an dieser Szene arbeiten, arbeiten, arbeiten. Die Kamera wird immer dabei sein. Wir werden wirklich ein Team zwischen Kameramann, Regisseur, und Darstellern sein müssen und immer versuchen, die Spannung auch unter den Leuten aufzubauen. Die Spannung muß auch auf den Kameramann übergehen. Er muß fasziniert werden, denn dann macht er erst die Bilder. Die meisten Kameraleute drehen auch nur noch ab. Die sind innerlich nicht engagiert, die sind zu sehr auf Feierabend aus oder auf Überstunden machen und so.

Die sehen das wohl eher als Job denn als Kunst.

Es ist heute so schwer, Verrückte zu finden; Leute, die sich den Arsch aufreißen, die ihr Privatleben opfern. Wer macht das denn noch? Es ist sehr, sehr schwer geworden.

Gerade diese Leute machen aber die besten Filme.

Ja (stöhnt). Mensch, was hab' ich für Probleme, mein etabliertes Leben auch dann zu überwinden - meinen inneren Schweinehund. Guckt mal, das ist doch ganz klar: Es läuft die Miete, und du hast die Chance, noch anders Geld zu verdienen, dann zu sagen "Scheiße! Ich mach' das nicht. Ich mach' jetzt ein Jahr Pause. Ich bin einfach nicht mehr da!", ist 'ne Überwindungssache.

Interview: Sven Berndt & Thomas Schweer

 



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