Metralleta Stein (V.A.); Der zweite Frühling (Stelvio Cipriani); Asphaltkannibalen (Alessandro Blonksteiner)

Metralleta Stein (V.A.); Der zweite Frühling (Stelvio Cipriani); Asphaltkannibalen (Alessandro Blonksteiner)

Von Guy Montag

Dem rührigen Label Chris‘ Soundtrack Corner und seinem kreativen Mastermind Christian Riedrich ist es zu verdanken, dass der geneigte Fan trotz Krisenzeiten in schöner Regelmäßigkeit mit Soundtracks aus dem „silver age“ der italienischen Filmindustrie versorgt wird. Der neueste Streich aus dem Berliner Büro der Macher ist ein Tripple Feature, in dem sich einige der legendärsten Tonsetzer aus dem Land der Pasta ein Stelldichein geben.

METRALLETA ‚STEIN‘ (1975), ein mehr oder minder ruppiges, in Deutschland leider nicht aufgeführtes Actiondrama mit einem wie üblich prächtigen John Saxon als brutalem Bankräuber, gesellte sich in jene Kategorie schmal budgetierter Genrefilme, in der es am Schluss nicht mehr für eine neu geschriebene Filmmusik reichte. Also klopften die Produzenten beim dahingehend reich bestückten CAM-Verlag an und erbaten sich eine sogenannte Library-Musik, also die Verwendung bereits existierender Tracks in filmspezifischer Art. Heraus kam nicht nur eine Soundtrack-LP, sondern auch ein sehr bunter Strauß großer und kleiner Melodien bekannter und weniger bekannter Tonsetzer Italiens. Für DJs und Schallplattendigger schon lange bekannt, sind sowohl das Gespann aus Mario Molino & Duilio Radici, als auch der ebenfalls als Filmmusiker aktive Daniele Patucchi, die mit jeweils drei Titeln vertreten sind. Neben frühen Discoanklängen, in denen dicke Bässe und fette Bläser über die Tanzfläche wühlen, oder brettharten Grooves mit Hang zum Suspense sind es auch freundlich-poppige Loungenummern, die lockerst jeden Flokati zum Schweben bringen. Andere Kaliber für Filmfreunde sind da schon der Altmeister Carlo Rustichelli, dessen rhapsodischen Tracks aus der uns unbekannten Fernsehserie I GIOVEDI DELLA SIGNORA GIULIA (1970) stammen, sowie der später Oscar-prämierte Luis E. Bacalov, der mit einem äußerst geheimnisvollen Spannungscue aus BANDIT ZU BESIEGEN (1968) vertreten ist. Nomineller Spitzenreiter mit samt und sonders acht Titeln ist der unverwüstliche Stelvio Cipriani, der statt Action und Spannung nun die introvertierten und emotionalen Dramasequenzen absichert. Seine Piecen, so das wunderschöne und zum Kult gewordene „Antla“ aus dem romantischen Drama UCCIDERE IN SILENZIO (1972) oder das lyrisch-verträumte „Ricordi Nel Bosco“ aus dem schrägen Giallo EIN MANN GEHT AUFS GANZE (1972), zeigen den Komponisten auf der Höhe seines Könnens und beweisen letztgültig, dass ein guter Soundtrack nicht immer aus einer Hand stammen muss.

Stelvio Cipriani ist dann auch das Bindeglied zur nächsten CD. Wen wundert’s – von keinem Komponisten hat das Label mehr Veröffentlichungen im Katalog, etwa. SOLAMENTE NERO – SCHATTEN DES TODES (1978), HÄUTET SIE LEBEND – UNTERNEHMEN WILDGÄNSE (1978) oder DIE HEILIGE BESTIE DER KUMAS (1979). Für das in deutsch-italienischer Koproduktion hergestellte, triebhafte Obskurwerk DER ZWEITE FRÜHLING (1975) von Ulli Lommel setzte man einen Soundtrack zusammen, der neben zwei leitmotivisch angelegten Neukompositionen Ciprianis – die sich als straight gespielte Jazz und Sambanummern delektabel gestalten – wiederum auf bestehende Cues zurückgriff. Neben den wie erwähnt düster-romantischen Themen aus EIN MANN GEHT AUFS GANZE (1972), die die traurige Geschichte um den durch ‚blondes Gift‘ vergifteten Alt-Lebemann Fox umrahmt, verwendete man Musik aus Luciano Ercolis stilisiertem Hochglanzthriller LA MORTE CAMMINA CON I TACCHI ALTI (1971) – dazu den grandios uneitlen Curd Jürgens mit vollem Körpereinsatz in der Sauna sitzen zu sehen, hat besonderen Charme. Als der Film einst in den deutschen Kinos anlief, erschien sogar eine heute äußerst rare, flankierende Single beim damaligen Telefunken-Label, die hier als Bonus inkludiert ist. Charmekanone und Kultfigur Eddie Constantine, der auch in DER ZWEITE FRÜHLING einen Gastauftritt hat, versah die beiden durch eigene Texte versehenen Instrumentals „Little Lady“ und „It Was A Dream“ mit seiner unnachahmlichen Mischung aus rezitativem Sprechgesang und raunendem Croonerdasein.

Hatten wir es schon bei METRALLETA ‚STEIN‘ mit John Saxon zu tun, so setzt Antonio Margheritis berüchtigter ASPHALTKANNIBALEN (1980) dahingehend noch ordentlich einen drauf. Saxon hat hier als Vietnam-Veteran ordentlich Appetit und der Fahnenappell in der Heimat gerät zum blutigen Flashmob zubeißender Art. Für diese sträflich unterbewertete Blendgranate holte sich Regisseur Antonio Margheriti den sonst zumeist als dirigierender Arbeiter im Hintergrund wirkenden Alessandro Blonksteiner, der hier endlich einmal als eigenkreativer Filmkomponist reüssieren durfte. Zwar gehen einige Library-Platten und ergänzende Musikbeiträge zu Lucio Fulcis legendärem DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER auf sein Konto, doch ASPHALTKANNIBALEN ist Blonksteiners ‚Opus magnum‘ seiner raren Scoringarbeiten. Mit einer höchst abwechslungsreichen Mischung aus funky gesetzten Rhythmen, hart geschlagenen Klavier- und Keyboardakkorden, Anleihen beim Prog-Rock, partiellen Synthesizerklängen und fast schmalzig anmutenden Jazzballaden mit hengstigem Saxophon spielt die Musik den Film auf Weltniveau – Assoziationen von Goblin bis Blaxploitation sind erlaubt. Blonksteiner arbeitet mit Leitmotiven, wobei diese sich stets variiert über die Bilder legen, immer situativ, nie beliebig. Mit sanften Fender Rhodes und süffisanten Flötenpassagen einerseits, mit großformatigen Streicherteppichen und groovigen Discostampfern andererseits begeistert der Soundtrack auf vielfache Weise und legt Zeugnis ab, dass auch die unbekannteren Komponisten hochunterhaltsame und gekonnte Arbeit abzuliefern wussten. Im Gegensatz zu den oft spärlichen Musiketats der beginnenden 1980er kann Alessandro Blonksteiner hier nochmal aus dem Vollen schöpfen, sein natürlich von ihm selbst dirigierter Abstecher ans Notenpult gehört nicht umsonst zu den großen Lieblingen unter den Fans rund um den Erdball.

Für alle Soundtrack-Fans ist der Kauf dieser drei Tonträger eine willkommene, lohnende und geradezu pflichtige Anschaffung, die in keinem Regal fehlen sollte. Von vereinzelten Singleauskopplungen anno dazumal abgesehen, bieten diese Auflagen ein Mastering der originalen Bänder auf dem neuesten Stand der Möglichkeiten und sind darüber hinaus in vielen Punkten erstveröffentlicht – Bonus Tracks und alternative Aufnahmen verstehen sich von selbst. Wie immer bei Chris‘ Soundtrack Corner werden die CDs durch die liebevoll gestaltete und von Aletta Heinsohn erdachte Aufmachung, elegante Booklets und ausführlich-fundierte, hier von Randall D. Larson stammende, Liner Notes abgerundet.

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V.A.: Metralleta Stein, CD CSC 028, D 2018 / Stelvio Cipriani: Second Spring (Der zweite Frühling), CD CSC 026, D 2018 / Alessandro Blonksteiner: Apocalypse Domani (Asphaltkannibalen), CD CSC 033, D 2019 / erschienen bei Chris’ Soundtrack Corner