Army of the Dead

Army of the Dead

Von Shamway

Zack Snyders Zombiefilm für Netflix beginnt wie ein B-Movie aus den frühen Achtzigern. Die Wüste von Nevada ist am Eindunkeln, einsam prescht ein Auto mit einem Paar über den einsamen Highway, die Frau bläst dem Fahrer eins, beide sind überdreht drauf. Das plötzliche hohe Lustaufkommen lässt nichts Gutes erahnen, auch wenn die Strada pfeilgerade ist. Denn ein paar Kilometer weiter auf der Gegenfahrbahn nähert sich nicht irgendein Militärtransport. Sondern einer direkt aus Area 51.

Natürlich crashen die beiden einsamen Fahrzeuge. Natürlich entkommt ein Etwas. Und der dummen Zufälle nicht genug ist der nächstgelegene Ort nicht eine Ranch mit ein paar Rindern, Geiern und Cowboys, sondern die Hauptstadt amerikanischer Verkommenheit, Las Vegas. Was nun folgt: Der Vorspann.

Im Vorspann trickst uns Snyder aus. Wer nämlich erwartete, dass sich ARMY OF THE DEAD darum dreht, dass eine Horde Zombies über pensionierte Glücksspieler, gelangweilte Stripperinnen und Liberace herfallen, sieht sich überrumpelt. Den Kampf um Las Vegas verliert die Menschheit bereits im Vorspann, natürlich zu einer Coverversion von Elvis’ „Viva Las Vegas“. Snyder lässt genüsslich Menschen voller Lebensfreude und Dekadenz sterben; ein Vorgang, der ihm seit seinem Sparta-Epos 300 (mit seinem liberacemäßig-dekadenten persischen König) immer wieder als reaktionär vorgeworfen wurde.

Dann geht der Film los, nach einer eindeutigen Vorlage: DIE KLAPPERSCHLANGE von John Carpenter. Aber alles ein wenig anders. Eine riesige Mauer wird um Las Vegas hochgezogen. US-Militär ist rundherum platziert. Flüchtlings- bzw. Quarantänelager von Überlebenden. Und in wenigen Tagen soll eine Atombombe gezündet werden, um die riesige, eingesperrte Zombiekolonie auszulöschen.

Doch vorher will der zwielichte japanische Geschäftsmann Tanaka (Hiroyuki Sanada) noch einen gigantischen Tresor plündern lassen und stellt sich dazu eine Truppe US-Prolls zusammen. Immerhin 200 Millionen Dollar sollen da eingeschlossen sein. Da werden zwar keine Milliardäre gemacht, doch für die „Spezialisten“ fürs Grobe liegt offenbar genug drin. Die sind fast allesamt ehemalige Militärs, die jetzt Burger braten und ähnliches. Down-to-Earth-Prolls für die Anpackarbeit. Leute, die sich auch nicht zu schade wären, für Trump das Capitol zu stürmen, wenn die Kohle stimmt. Ward (Dave Bautista) versammelt alte Bekannte zu einem Team, unter anderem eine Helikopterpilotin (Tig Notaro), weitere Militärs (Omari Hardwick), Wades Tochter, die sich für Flüchlinge einsetzt (Ella Purnell), eine gerissene blonde Schlepperin (Nora Arnezeder, die irgendwie – frühe Achtziger – an Pris aus BLADE RUNNER erinnert), ein sadistischer Offizier (Theo Rossi), ein Aufpasser Tanakas (Garret Dillahunt) und ein paar andere. Genug Leute also, um einer fröhlichen Dezimierung nicht nur auf Zombieseite freien Lauf zu lassen. Intelligenzija sucht man vergebens – was nötig ist an abstrakten geistigen Fähigkeiten muss aus Deutschland importiert werden. Allerdings ist der „Götterdämmerung“-hörende, blondlockige Nerd mit Namen Klaus Ludwig (Matthias Schweighöfer), der den Safe knacken soll, derart durch den Wind, dass man von „IQ in freiem Fall“ sprechen sollte.

Wo uns damals DIE KLAPPERSCHLANGE in eine faszinierende andere Welt führte und die neuen Regeln einer von Verbrechern organisierten Gesellschaft aufzeigte, gibt‘s hier einfach ein paar unterschiedliche Zombies, die auf etwas unterschiedliche Weise gefährlich sind (und einen Zombietiger). Die Story geht straight durch wie unser Trupp der Furchtlosen: Rein ins Gemenge einer Zombiearmee und zum Tresor, einigermaßen spannend, aber auch genauso ermüdend und absehbar. Ohne brillante Einfälle. Enttäuschend für den Regisseur, der mit seinem DAWN OF THE DEAD (2004) einen der besten Nicht-Romero-Zombiefilme geschaffen hat. Enttäuschend auch für ein Genre, das sonst auf clevere Weise immer Gesellschaft und Politik ins Spiel brachte – Konsumismus, militärisch-industrieller Komplex, Backlash in Romeros ersten dreien. Snyders Film macht weder etwas aus „der Mauer“ um Las Vegas, bringt nichts zum Flüchtlings- und Schlepperthema zustande, und schrammt nur knapp an den allzu offensichtlichen amerikanischen Feindbildern vorbei. Wäre Tanaka etwa ein Chinese gewesen, wären wir voll bei den amerikanischen Antichina-Ressentiments gelandet. Dass gleichzeitig die sympathische (aber von der Charakterzeichnung her schwache) Einsatztruppe – die meist von der Verliererseite des Lebens herkommt und keine Chancen im Leben hat, aber einen irrwitzigen Stunt in einer von ausgehungerten Zombies besetzten Stadt durchziehen kann – offensichtlich frei ist von Beziehungen zu Intellektuellen oder zur Mittelschicht, kann man Snyder auch nicht krumm nehmen. Zeigt das doch, wie sich die ständige Polarisierung der Gesellschaft auswirkt.

Trotzdem: ARMY OF THE DEAD hat einen guten Titel, ist aber mäßig unterhaltsam. Zack Snyder ist zwar ein Demokrat, doch seine Filme haben immer einen republikanischen Beigeschmack. Und der erste Pandemie-Zombiefilm ist noch nicht abgedreht.

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Army of the Dead, USA 2021 | Regie: Zack Snyder | Drehbuch: Zack Snyder, Shay Hatten, Joby Harold | Kamera: Zack Snyder | Darsteller: Dave Bautista, Ella Purnell, Omari Hardwick, Ana de la Reguera, Theo Rossi, Matthias Schweighöfer | Laufzeit: 148 min.