Ipcress – streng geheim: Die Ästhetik im Agentenfilm der 60er.

Ipcress – streng geheim: Die Ästhetik im Agentenfilm der 60er.

Von Michael Kathe

In den sechziger Jahren gelangte der Spionagefilm zu neuer Blüte. Die schöne neue Konsumwelt und die Freiheiten der beginnenden sechziger Jahre machten aus einem Agenten einen Übermenschen, einen Super-Konsumenten auf allen Ebenen. Das ist das Geheimnis des James Bond-Charakters. Er trägt immer die eleganteste Kleidung, geht in teuren Restaurants ein und aus, bestellt das richtige, benutzt die allermodernsten Gadgets (wie Autos, die es erst als Prototypen gibt) und nutzt die neuen sexuellen Freiheiten, um möglichst viele Frauen zu konsumieren (üblicherweise drei pro Film).

IpcressFile_PosterDass die sechziger Jahre noch andere Wahrheiten für Agenten in petto hielten, zeigt sich nicht zuletzt an einer anderen Agentenserie, mit einem ganz anderen inhaltlichen und ästhetischen Hintergrund – einer Serie, die auch gezielt als eine Art Anti-Bond angelegt war: die Harry Palmer-Serie. Harry Palmer, ebenfalls britischer Agent – aber ein Agent, der mit einer undurchsichtigen Welt konfrontiert ist, in der Gut und Böse verwischen und der kalte Krieg nicht schwarzweiss, sondern voller grauer Zonen ist.

Produzent des Anti-Bond-Filmvergnügens THE IPCRESS FILE (1965) war niemand geringerer als Bond-Produzent Harry Saltzman, der bewusst eine Gegenfigur zu „seinem“ und Ian Flemings James Bond schaffen wollte. Dass diese Gegenfigur seinen eigenen Vornamen trug, ist angeblich auf Michael Caine zurück zu führen, der im Brainstorm mit Saltzman dem namenlosen Spion des gleichnamigen Romans von Len Deighton „Harry“ als öden, langweiligen Namen vorschlug.

IpcressFile_3Interessant ist jedoch, dass Saltzman mit der Agentenfigur Harry Palmer die Welt der Geheimdienste in ein ganz anderes Licht tauchte. Palmer (Michael Caine) mit seiner Hornbrille, wohnt in einem kleinen Appartement in London, kocht selber und ist kein Meister großer Reden. Er arbeitet im britischen Verteidigungsministerium und wird in seiner Akte als „arrogant, anmaßend, renitent und äußerst undurchsichtig, möglicherweise sogar mit kriminellen Neigungen“ eingestuft. „Ja, da hat jemand Menschenkenntnis gehabt, Sir.“ Palmers trockener Kommentar seinem Vorgesetzten Colonel Ross (Guy Doleman) gegenüber zeigt eine seiner Stärken auf: seine Unangepasstheit. Seine Versetzung in die Spionageabwehr ist auch unter diesem Strauss an negativen charakterlichen Gesichtspunkten zu sehen: Palmer erhält nun die Aufgabe, in einem Team unter Major Dalby (Nigel Green) die Entführung des Atomphysikers Radcliff (Aubrey Richards) aufzuklären. Er wird direkt beauftragt, den zwielichtigen, albanischstämmigen Handelsmann Grantby (Frank Gatliff) zu finden. Ein Kontakt zu Scotland Yard ermöglicht ihm das.

Mit zunehmendem Eindringen in die Spionagewelt ändert sich unsere Realität. Jedes Objekt scheint in eine zweite Ebene überzugehen. Grantby hat den Übernamen Bluejay (ein Singvogel), sein Faktotum heisst Housemartin. Die geheimen Orte, in denen sich Palmer nun mit seinen Co-Spionen trifft, heissen „Vermittlungsbüro für häusliche Anfragen“ oder „Astra Feuerwerks AG“. Palmer stellt Grantby in einer Bibliothek, in der die Stille zum Schneiden ist, und unterbreitet ihm laut sprechend ein Verhandlungsangebot. Szenen wie diese schaffen eine Atmosphäre der Verfremdung, des Fremdseins, weil die Erwartung an eine Situation seltsam gekehrt wird.

IpcressFile_4Überhaupt liegt die Stärke des Films in der unheimlich gelungenen filmischen Umsetzung von Sidney J. Furie. Er bediente sich für THE IPCRESS FILE einer breiten Palette an kinematografischen Mitteln, um die Zwischenwelt der Spione im kalten Krieg als Welt zu zeigen, in der die Wahrheit ins Wanken geriet und es keine Sicherheiten mehr gab. Unter den außergewöhnlichen filmischen Mitteln sind viele dem Film Noir entlehnt, doch das kontrastreiche Schwarzweiss der Vierziger wird in den Farbfilm der sechziger Jahre überführt. Allerdings ist THE IPCRESS FILE kein knallbunter Popart-Film, sondern bevorzugt eine triste Farbgebung in Grau- und Brauntönen und matten Farben. Nicht zuletzt trägt auch die unglaubliche musikalische Umsetzung von John Barry zu dieser realitätsverfremdenden Stimmung bei – was für eine perfekte Anti-Bond-Musik des großen Bond-Komponisten.

Das normale Weltbild gerät aus den Fugen. Palmer bestellt ein Polizeiaufgebot, um ein altes Fabrikgebäude zu stürmen, findet aber lediglich einen Tonbandschnipsel mit der Aufschrift „Ipcress“ und einem Stück elektronischer Musik (à la Stockhausen in den 50ern), stellt seine Mitarbeiterin Jean Courtney (Sue Lloyd) beim Durchsuchen seiner Wohnung („Dann wissen sie ja, wo der Whisky ist“ – aber anders als bei Bond bleibt sie nicht über Nacht) und versucht – in einem Park mit Blasmusik – Radcliff von Grantby zurück zu kaufen.
Wie die Welt, so gerät auch die Kamera in Schieflage und kippt in ca. 30° schräge Einstellungen, wie in Carol Reeds DER DRITTE MANN (1949). Die Untersichten auf Palmers Gesicht mit den beengenden Zimmerdecken der jeweiligen Wohnung erzeugen die klaustrophobischen Effekte, die den Film ebenso prägen wie die Menschen im Bildvordergrund, deren Schultern oft 2/3 des Bildes verdecken. Überhaupt wird in THE IPCRESS FILE das Framing zum Schlüssel der Filmsprache. In beinahe jeder dritten oder vierten Einstellung werden die handelnden Menschen im Bild „gerahmt“: entweder von Türen, Fensterrahmen, dem Durchblick durch eine Telefonkabine, einem Parkometer, den erwähnten Schultern, einem Lampenschirm usw.. In diesen Framings manifestiert sich der beschränkte Wahrnehmungsspielraum der Protagonisten. Ihr Sichtfeld ist eingeschränkt. Sie können immer nur einen Teil der Wahrheit erkennen, die sie (als Spione) so sehr suchen, bzw. finden müssen.

IpcressFile_1Genau darum dreht sich auch die Handlung: Palmers Partner Jock wird in seinem Auto erschossen, während Palmers Chef und Palmers Ex-Chef auf seltsame Art beide in die Affäre verstrickt sind. Schliesslich wird Palmer entführt und wacht in einem Foltergefängnis auf, das sich angeblich in Albanien befindet: Die Folter wird zu einer Art LSD-Trip, aber natürlich dessen Horrortripversion. Dass wir aus der Illusion Albaniens wieder nach London zurück geschleudert werden, wo der Zweifel an den staatlichen Institutionen nicht gerade kleiner wird, ist ein Charakteristikum der Harry Palmer Filme, und nicht zuletzt einiger weiterer „Anti-Bond“-Spionagefilme aus der Zeit.

Die Skepsis an der politischen Integrität der eigenen Institutionen nahm zu in den mittleren sechziger Jahren – und in den Folgefilmen FUNERAL IN BERLIN (1966) und BILLION DOLLAR BRAIN (1967) würde dies zu ganz neuen Einsichten der großpolitischen Lage führen.

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The Ipcress File, UK 1965 | Regie: Sidney J. Furie | Drehbuch: Bill Canaway, James Doran | Musik: John Barry | Kamera: Otto Heller | Darsteller: Michael Caine, Guy Doleman, Nigel Green, Sue Lloyd, Frank Gatliff u.a. | Laufzeit: 107 min.