Die Brut des Bösen

Die Brut des Bösen

Von Guy Montag

Subkulturs preisgekrönte Edition Deutsche Vita (EDV) hat schon vielen Elaboraten des deutschen Genrefilmes die Wiederauferstehung ermöglicht: Jürgen Rolands Kiez-Epos DIE ENGEL VON ST. PAULI (1969) etwa oder Roger Fritz‘ überbordend authentischen MÄDCHEN MIT GEWALT (1969) – aber dass sich nun „Der erste Karatefilm aus Deutschland“ anschickt, seinen Siegeszug über Flachbildfernseher und hochauflösende Medien anzutreten, war eine faustdicke Überraschung. Man ziehe den schwarzen Gürtel fest und spanne die Bauchmuskeln an – die Trainingsstunde bei Frank Mertens hat begonnen.

BrutDesBösen_4Denn Mertens (Christian Anders) betreibt in Madrid zusammen mit seinem Freund Thomas (Wolfgang Schütte) eine erfolgreiche Karateschule, geerbt von seinem durch Unbekannte ermordeten Meister. Der kleinwüchsige Drogenhändler Van Bullock (Deep Roy) beschließt jedoch ihm das Wasser abzugraben und schickt ihm eine Bande von Kung Fu-Kämpfern auf den Hals – doch gegen Mertens hat keiner eine Chance. Erst bei der heroinabhängigen Cora (Dunja Rajter) knickt Mertens ein und wird prompt wegen Drogenbesitzes verhaftet, van Bullocks Finte scheint aufzugehen. Doch Cora gesteht gegenüber Mertens‘ Sekretärin Ingrid (Maribel Martín) den Plan und als Van Bullock sie daraufhin expediert, bricht Mertens aus dem Gefängnis aus um abzurechnen. Es gelingt ihm – vorbei an dessen Leibwächter Komo (Fernando Bilbao), dem Mörder seines Misters – zu Van Bullock vorzudringen. Der lange Tag der Rache geht in die letzte Runde!

BrutDesBösen_5Manche Filme sind in ihrer Entstehung mindestens so spannend wie in der Handlung, die sie erzählen. Christian Anders, Schlagerbarde und Multitalent, hatte sich schon als Jugendlicher mit Karate beschäftigt und setzte nun – nachdem er 1975 mit Großmeister Wolfgang Schütte für das „Freizeit-Magazin“ den Foto-Roman „Geheimagent Steve Tender und die Karate-Killer“ gestaltet hatte – zum großen Wurf an. Gemeinsam mit Leo Kemkes, einem sportbegeisterten Bauunternehmer aus Wesel, akquirierte er nicht nur Sean Connerys Produktionsfirma und sorgte so für genügend Finanzierung, sondern verpflichtete mit Schütte und seiner damaligen Freundin Dunja Rajter auch wohlbekannte Gesichter. Mit dem spanischen Fernsehliebling Maribel Martín – auch durch flippige Genreproduktionen wie THE BLOOD SPATTERED BRIDE (1972) aktenkundig – und dem später zu Weltruhm gekommenen Kultakteur Deep Roy schon schwer kulturverdächtig besetzt, drehte Anders im verschneit-kalten Madrid des Winters 1978 einen Solitär im deutschen Filmgeschehen, der es in sich hat.

BrutDesBösen_6Mit vorwiegend spanischer Crew – so holte sich Anders als filmversierten Co-Regisseur den vorzüglichen Second-unit-Arbeiter Antonio Tarruella – setzte sich Anders als Regisseur, Drehbuchautor, Soundtrackkomponist und -arrangeur, Stuntchoreograph und Hauptdarsteller ein filmisches Denkmal. Die mit viel Weichzeichner und flüssigen Schwenk fotografierten Bilder aus der Kamera Hans Burmanns ließen die Kampfsportaction in passender Visualisierung glänzen, Hartmut Neugebauer – der für die deutsche Synchronfassung zusätzlichen Witz ersann und Anders mit der Stimme Chuck Norris’ sprechen ließ – tat seinen Teil dazu, dass DIE BRUT DES BÖSEN zu Ehren kam. Der englische Cut unter dem Titel ROOTS OF EVIL offenbarte gar Anders‘ eigene Stimme.

BrutDesBösen_1Für die Filmmusik ersann Anders – unterstützt durch seinen Mitstreiter José Luis Navarro – den „Sound der Zeit“, eine wilde Mischung aus Funk & Disco, mit jaulenden E-Gitarren, perlenden Fender Rhodes, fetten Grooves, spannungssteigernden Illustrationsmusiken, durchsetzt mit Streicherflächen, entlehnten Blaxploitation-Sound-Anleihen und lyrischen Solo-Piano-Passagen. Kernstück wurde der schmissige, von ihm selbst gesungene Titelsong „Dead End“, in dessen, von Lucy Neal verfassten Lyrics, sich nicht nur die komprimierte Filmhandlung wiederfindet, sondern dessen Arrangement von Werner Dies das Madrid-Sound-Orchester in den höchsten Tanzbodenolymp beförderte. Ein Gastauftritt der Produzentengattin Ria Kemp, die den „Hey, Superman” beisteuerte, rundete das musikalische Vergnügen ab.

BrutDesBösen_2Nach jahrelangen Vorbereitungen erschien DIE BRUT DES BÖSEN unlängst als DVD-/Blu-ray-Combo in mustergültiger Form. In deutscher und englischer Sprachfassung erfährt der Film eine neuerliche Weltpremiere – noch dazu wird er dank des 4k-Transfers niemals besser ausgesehen haben als hier. In der üppig ausgestatteten Bonussektion findet sich zunächst ein Audiokommentar von „Dr. Monkula“ Alexander Iffländer, der – unterstützt durch Christopher Klaese – seinem Ruf als Fernostexperte alle Ehre macht. Ebenfalls zu Wort kommt natürlicher ‚Meister‘ Anders in einem Interview, der in launischer Form über die Dreharbeiten des Films Auskunft gibt. Sein Kumpel, Deutschlands Kampfsportlegende Wolfgang Schütte, berichtet ebenfalls von den aufregenden Erlebnissen des Filmemachens, den Stationen seiner Karriere und den schwersten Moment seines Lebens. Schließlich hat Deep Roy seinen großen Interviewauftritt, ein kreuzsympathischer Zwerg von einem Kerl. Ebenfalls ein Fest für die Freunde der Features rund um den Film sind die isolierte Musikspur, das umfangreiche Promotionmaterial aus Trailern und TV-Spots sowie weitläufige Bildergalerien mit Plakatmotiven, Aushang- und Pressefotos aus der Kamera von Peter Bischoff sowie internationalem Werbematerial. Im EDV-Paket findet sich außerdem ein exklusives Booklet von David Renske, der die seltsam-diverse Karriere Anders‘ Revue passieren lässt. Ein ganz besonderes Schmankerl, dass es in des Rezensenten Augen gerne viel häufiger geben dürfte, ist der originale Soundtrack auf einer separaten CD. Digitalisiert von den originalen Acetaten aus den Archiven der altehrwürdigen EMI – wo der Score einst auf einer obskuren Halb-Halb-LP reüssierte – rettete man die funkige Filmmusik vor dem Zerfall und konservierte sie für die digitale Welt des 21. Jahrhunderts.

Dass DIE BRUT DES BÖSEN als Nr. 65 in der 5. Staffel der Satire-Reihe „SchleFaZ“ auf Tele 5 lief, sollte niemanden falsch urteilen lassen. Denn einen Mann wie Christian Anders sollte man nicht enttäuschen, DIE BRUT DES BÖSEN zu sich nachhause holen. Es ist grell, es ist ehrlich, es ist ein Abenteuer – es ist schlicht KULT!

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Die Brut des Bösen (Roots of Evil), Deutschland/Spanien 1979 | Regie: Christian Anders / Antonio Tarruella | Darsteller: Christian Anders, Maribel Martín, Dunja Rajter, Deep Roy, Fernando Bilbao, Wolfgang Schütte u.a.

Anbieter: Subkultur Entertainment