Dracula

Dracula

Von Christopher Klaese

Mit Schock (1955) kam der Horror … mit Frankensteins Fluch (1957) dazu die Farbe … und mit DRACULA (1958) der Sex. Fertig war die Erfolgsformel, mit der Hammer Films sich weltweit als Marke für zeitgemäße, richtungsweisende und herrlich abgedrehte Horrorfilme etablierte, die noch vor den Beatles den britischen Touch rund um den Globus trug. Eine ganze Generation ließ sich durch die Streifen aus dem kleinen Studio bei Windsor das Gruseln lehren, Filmemacher von Dario Argento bis John Carpenter verhehlten nie den Einfluss, den die Elaborate eines Terence Fisher oder Val Guest auf ihre eigene Arbeit ausübten. DRACULA ist bis heute Hammers größter Hit geblieben und kann jetzt in vollendeter Form im heimischen Wohnzimmer zur Landung ansetzen – ganz ohne Kreuze, Weihwasser und apart drapierte Knoblauchknollen.

Dracula_5Als Jonathan Harker (John Van Eyssen) nach Transsilvanien reist, um im Schloss des Grafen Dracula (Christopher Lee) als Bibliothekar anzufangen, riecht dieser schnell den Braten: Harker, ein Vampirjäger, wird den nächsten Morgen nicht erleben. Als Harkers Partner, Dr. Van Helsing (Peter Cushing), sich anschickt, dem Freunde nachzureisen, kann er ihn nur noch von den Qualen des Vampirseins erlösen. Währenddessen zieht der Fürst der Vampire los, um Jonathans Verlobte Lucy Holmwood (Carol Marsh) zu finden. Gemeinsam mit Lucys Bruder Arthur (Michael Gough) schickt sich Van Helsing an, dem blutsaugenden Wiedergänger endgültig das Handwerk zu legen – und es kommt zu einem Kampf, der noch vor Sonnenaufgang entschieden sein wird.

Auch wenn die Werktreue gegenüber Stokers Originalroman nicht im Vordergrund stand, so bewies es schlicht Drehbuchautor Jimmy Sangsters Meisterschaft der Verdichtung und Aktualisierung, wie er der legendären Erzählung um den Fürsten der Finsternis zu Leibe rückte. Garniert mit erotischer Konnotation und morbider Totenlustästhetik wurde dem Grafen eine Frischzellenkur verpasst, an der sich Regisseur Terence Fisher mit seinem Gespür für schaurige Gothic-Inszenierung und geschickter Figurenführung in bester britischer Kunstfertigkeit abarbeiten konnte. Dank der wundervollen Sets und Dekors wurde zu keinem Zeitpunkt offensichtlich, dass es sich bei dem von Kameramann Jack Asher fotografierten DRACULA um einen Atelierfilm handelte, den man lediglich mit ein paar Außenaufnahmen aus der Umgebung der Bray Studios aufhübschte. Ein weiteres Gütesiegel für die fantastischen und mit viel Herzblut vollführten Produktionen, zu denen Hammer Films damals fähig waren und die sie – nicht zuletzt dank ihrer zeitgemäßen Spezialeffekte – als Weltmarkführer für breitwandiges Horrorkino etablierten.

Dracula_3Komponist James Bernard schließlich, der mit seinem in großorchestrale Symphonik überführten „DRAAAAA-CULAAAA“ eines jener Filmthemen beisteuerte, das ähnlich wie Williams‘ tieflagige Streicherphrase aus DER WEISSE HAI (1975) signifikant für klingenden Horrorsoundtrack wurde, begleitete die in warmem Technicolor gedrehte Schauermär rund um den charmanten Blutsauger aus Transsilvanien mit abwechslungsreichen Instrumentierungen und rhapsodischem Flair.

Bei den Darstellern hatte Fisher nicht weniger als ein Traumpaar englischen Horrors zur Verfügung: der asketisch wirkende Peter Cushing mit seiner perfekten Mischung aus Distinguiertheit und aggressiver Vitalität einerseits, der aristokratische Christopher Lee mit der wunderbaren Balance zwischen kompromissloser Kälte und erotischem Habitus andererseits – gemeinsam wurden die beiden Schauspieler zu Legenden ihres Fachs. Dass es einer britischen Produktion auch stets gelang, Raum für punktuelles Schmunzeln zu lassen und Schauspielern Platz für kleine, unaufgeregte Kabinettstückchen zu liefern, zeigte sich an Miles Mallesons Interpretation eines schusseligen Leichenbestatters – abonniert auf den ulkigen Sidekick, ließ sich Malleson auch kurze Zeit später bei Hammers Sherlock-Holmes-Verfilmung DER HUND VON BASKERVILLE (1959) nicht lange bitten.

Dracula_2Anolis präsentiert den Film – neben verschiedenen anderen Varianten – als Mediabook mit drei unterschiedlichen Covermotiven in mustergültiger und erstmals völlig ungeschnittener Veröffentlichung, wobei der Transfer in der Fassung des British Film Institute (BFI) blitzsauber ist und bei Farben und Körnung Bestwerte einfährt. Auch der Ton gibt sich für einen Film dieses Alters zünftig und in deutscher Synchronisation wie der Originalsprache rauscharm und detailliert. Bei den Extras geizt man nicht, stehen doch mehrere Audiokommentare zur Verfügung: in englischer Sprache sind Marcus Hearn und Jonathan Rigby zu hören, die jeweils eine separate Begleitung für die BFI-Restaurierung von 2007 und die im Jahr 2012 vorgenommene Hammer-Restaurierung beisteuern. Zusätzlich finden sich in deutscher Sprache Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Volker Konz am Mikro ein. Als Featurettes sind “The Demon Lover” mit Christopher Frayling, das als “Dracula Reborn” betitelte Making Of sowie “Resurrecting Dracula” über die Restaurierungsarbeiten und “Cencured Dracula” enthalten. Letztere klärt über die restriktiven Zensurversuche der BBFC auf, die von Hammer einst geflissentlich ignoriert wurden und somit zu weiterer Erzürnung seitens der „englischen FSK“ Anlass gaben. Janina Faye, die im Film die kleine Tania spielte, liest im Rahmen eines mitgefilmten Fantreffens aus dem Roman. Fast schon als Selbstverständlichkeit gelten Kinotrailer aus Deutschland und England, die Super-8-Fassung, deutscher Werberatschläge von Erst- und Wiederaufführung, französischer Werberatschlag und Filmprogramme sowie umfangreiche Bildergalerien mit Set- und Aushangfotos. Das abschließende, sechsunddreißgseitige, reich bebilderte Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad ist exklusiv im Mediabook enthalten und lässt keine Wünsche offen.

Dracula_4Wenn man „den Film“ benennen wollte, der alles zusammenfasst, was den charakteristischen Hammer-Horror erklärt, potenziert und schlicht als Meilenstein in der Filmgeschichte verankert hat, dann sage man nur DRACULA. Wer als Filmfreund etwas auf sich halten möchte, kann nicht umhin seine Sammlung mit dieser Veröffentlichung zu ergänzen. Es ist schlicht ein Kinoerlebnis der ganz besonderen Art!

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Dracula, GB 1958 | Regie: Terence Fisher | Darsteller: Peter Cushing, Christopher Lee, Melissa Stribling, Michael Gough, Carol Marsh, John Van Eyssen u.a

Anbieter: Anolis Entertainment / Studio Hamburg Enterprises