Der Fan

Der Fan

Von Christopher Klaese

„Sie wird zum Licht nur durch das Objektiv,
sie spricht nicht viel, denn ihr Körper spricht!“

Deutschland, frühe 1980er. In einer entgötterten Welt, mitten im erzkatholischen Ulm. Religiosität – kaum noch Mehrwert – interessiert nur auf der Steuerkarte. Verkrustete, konformistische Familienstrukturen, mit Mehltau besetztes, routiniertes Abspulen eines Alltags, dessen Sinn zu ergründen man längst aufgegeben hat. Zu einer solchen Zeit verliebt sich Simone (Désirée Nosbusch), mit jeder Faser Ihres siebzehnjährigen Körpers. DER-FAN-CoverSie verliebt sich in „R“ (Bodo Staiger), jenen teilnahmslosen, androgynen Sänger einer New Wave-Band an der Schwelle zum Starruhm, deren maschinelle Beats und im regungslosen Sprechgesang vorgetragene Zeilen für sie zu einer Predigt werden – und „R“ zu Ihrem Erlöser; einem Erlöser aus dieser wohlverschalten Langeweile, die sich Leben nennt. Sie reißt von Zuhause aus, schmeißt die Schule und trampt nach München – und tatsächlich, im Fernsehstudio Unterföhring wird auf zufällige Art und Weise aus den beiden ein Paar. Ein Paar für eine Nacht, in der Simone ‚ihrem‘ „R“ alles gibt, was sie ihm geben kann: Liebe als totale Entgrenzung. Doch als für „R“ nach dieser Nacht alles vorbei sein soll, versteht Simone die Welt nicht mehr – alles bricht zusammen und hier entschlüsselt sich der wahre Kern des alten Sprichwortes, wonach Liebe durch den Magen geht!

So viel mehr, als ‚nur‘ eine freizügige Désirée Nosbusch – dieser Gedanke wird immer lauter, je länger sich DER FAN in seiner ganzen Tragweite auffächert. Denn im Grunde liefert Eckhart Schmidt nicht weniger als eine treffsichere Studie zur Situation der Jugend in jenen Jahren. Antiklerikal, dennoch nicht heidnisch – zutiefst desillusioniert, aber ohne echte Vorbilder – emotionslos, doch suchend nach großen Gefühlen. Die bundesdeutsche Gesellschaft hat ihnen wenig anzubieten, außer NATO-Doppelbeschluss und Nicoles „Ein bisschen Frieden“ … und der stampfenden Monotonie der New Wave-Musik, die diesen Zeitgeist in Harmonien übersetzt. Der Starkult um die Teenie-Idole, mit einer im Hintergrund perfekt ablaufenden Ausschlachtungs- und Vermarktungsmaschinerie, macht sich dies zu Nutze und Simone ist nur ein Beispiel für viele, die in den Stars aus dem Fernsehen ihre ‚Götter‘ sehen. Aber wenn an den Kameras die roten Lampen verlöschen, wenn die ‚Götter‘ irdisch werden, dann muss auch „R“ muss scheitern, weil er menschlich ist – ein Götze nur – und eben nicht göttlich, nicht vollkommen.

FAN-02Simone, DER FAN, geht in ihrer unendlichen Verehrung und Liebe zu ihrem Idol den biblischen Weg. „Wer nicht isst mein Fleisch und trinkt mein Blut, der hat kein Leben in sich!“. So sagt es die Schrift und folgerichtig feiert Simone ‚mit‘ ihrem Erlöser das erste und zugleich letzte Abendmahl. Kombiniert mit Simones Hüllenlosigkeit und Verletzbarkeit dreht sich der Film wie in einer Zentrifuge. Schmidt stoppt nicht ab, im Gegenteil: er überhöht den Ansatz bis zur finalen Einverleibung des Götzen durch die Anbetende; setzt dem dagegen höchstens filmische Plansequenzen mit Ruhe und Trancehaftigkeit. Das Simone gar die moderne Reinkarnation der ‚Maria in 2. Generation‘ darstellt, gehört zu den genialen Einfällen des Regisseurs. Dass er mit Désirée Nosbusch und Bodo Staiger zwei im Wortsinne Darsteller – und eben nicht Schauspieler – durch seine Inszenierung ‚schweben‘ lassen kann und beide wie geschaffen für ihre Figuren wirken, sollte als seltener Glücksfall zur Kenntnis genommen und nicht mehr diskutiert werden. Der hypnotische Soundtrack von Rheingold, damals ein LP-Hit, legt sich – analog zum Gazefilter vor der Kamera – zudem wie ein milchiger Schleier über den Film.

„Sie sagt nicht viel, denn das sagt ihr Gesicht,
sie spricht nicht viel solang ihr Schatten bricht im Stroboskopenlicht!“

In seiner Retrospektive zum Thema „Die Neue Deutsche Welle und das Kino“ kam das Deutsche Historische Museum im Jahr 2010 zu folgendem Fazit: „[…] Das wirklich verstörende Moment lag doch darin, dass der Regisseur das Mädchen Simone mit Désirée Nosbusch besetzt hatte. Denn Nosbusch war als saubere Moderatorin der Musicbox im ZDF selbst ein Teenie-Idol.“ Verstärkend zur Verstörung trug bei, dass Cameo-Auftritte von Joachim Fuchsberger (in einer fiktiven Folge seiner Fernsehshow Auf Los geht’s los), dessen Sohn Thomas Fuchsberger (als Autogramme gebender Popstar) und Christian Simon (als Moderator der fiktiven Fernsehsendung Top Pop in Anlehnung an seine tatsächliche Sendung Rock-Pop) das intertextuelle Moment ungemein erhöhten und die reale Deutung des FANs augenfällig werden ließen.

FAN-03Bei seiner Premiere durch den flankierenden Skandal um die Hauptdarstellerin erdrückt, von der Kritik einhellig als erotisch-unappetitliche Neckerei Schmidts gebrandmarkt, verblieb DER FAN über die Jahre in der übel beleumundeten Ecke des deutschen Genrefilmes der 1980er Jahre. Höchste Zeit also für eine Neubewertung, mit dieser Veröffentlichung mehr denn je. Vielleicht eröffnet sich dem Zuschauer aus heutiger Sicht ein unverstellter Blick auf dieses durchdacht-strukturierte und mit Oberflächenreizen eine Gesellschaftsanalyse transportierende, kleine Meisterwerk – damit von DER FAN so viel mehr im Gedächtnis bleibt, als ‚nur‘ eine freizügige Désirée Nosbusch!

DER FAN ist mit exzellentem HD-Transfer und deutschem wie englischem Ton auf Blu-ray/DVD erhältlich. Als Bonus ist die Featurette “Eine kannibalistische Lovestory” beigefügt, in der Interviewer Sadi Kantürk dem sympathischen Regisseur viel Wissenswertes entlockt. Ebenfalls enthalten sind Kinotrailer und mehrere Bildergalerien, die neben Kinoaushangfotos Auszüge aus dem Originaldrehbuch inkl. Storyboards und den kompletten Bilderbogen enthält, der im zeitgenössischen Buch zum Film erschien.

„Augenblick, nur ein Augenblick, für ein ganzes Glück,
und ich denk zurück, an ihren Augenblick!“

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Der Fan, D 1982, R: Eckhart Schmidt, D: Désirée Nosbusch, Bodo Staiger, Simone Brahmann, Jonas Vischer, Helga Tölle, Klaus Münster

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